H&M trendet in Deutschland — und der Grund ist kein neuer Frühjahrs-Lookbook. Der schwedische Moderiese schließt weltweit 160 Filialen, während er nur 80 neue eröffnet. In Hamburg werden zudem „mehrere hundert" Lagerarbeiter entlassen, da die Logistik nach Polen und Tschechien verlagert wird. Was bedeutet das für betroffene Beschäftigte, und welche Rechte haben Arbeitnehmer bei Massenentlassungen?
Was bei H&M gerade passiert
H&M, die zweitgrößte Modekette der Welt, steckt in einer tiefen Transformation. Laut Quartalszahlen von Q1 2026 sank der Umsatz um 1 Prozent — direkte Folge der Filialschließungen. Die globale Strategie ist klar: weniger physische Läden, mehr digitaler Verkauf.
Für Deutschland hat das spürbare Konsequenzen: Das Hamburger Distributionszentrum, das als wichtiger Logistik-Hub für Nordeuropa fungiert, wird strukturell verkleinert. Ein neues, hochautomatisiertes Logistikzentrum entsteht in Tschechien — mit 2,7 Millionen Quadratfuß Fläche. Die Betriebsübergabe erfolgt schrittweise, die Entlassungen in Hamburg sollen laut Unternehmensangaben sozialverträglich gestaltet werden.
Doch was heißt „sozialverträglich" für betroffene Arbeitnehmer konkret?
Ihre Rechte bei Betriebsschließung und Massenentlassung
Das deutsche Arbeitsrecht zählt zu den schützendsten Europas — allerdings nur für jene, die ihre Rechte kennen und rechtzeitig geltend machen. Hier die wichtigsten Punkte:
Kündigungsschutzgesetz (KSchG): Wer länger als sechs Monate in einem Betrieb mit mehr als zehn Mitarbeitern beschäftigt ist, genießt gesetzlichen Kündigungsschutz. Eine betriebsbedingte Kündigung ist nur dann wirksam, wenn der Arbeitsplatz dauerhaft wegfällt und keine zumutbare Umsetzungsmöglichkeit besteht. Gemäß Kündigungsschutzgesetz müssen Arbeitgeber bei der Auswahl der zu Entlassenden eine „Sozialauswahl" durchführen — dabei spielen Betriebszugehörigkeit, Lebensalter, Unterhaltspflichten und etwaige Schwerbehinderung eine Rolle.
Sozialplan und Interessenausgleich: Bei Massenentlassungen ist der Betriebsrat zu beteiligen. Gemeinsam mit der Unternehmensleitung wird ein Sozialplan ausgehandelt, der Abfindungen, Qualifizierungsmaßnahmen, Versetzungsangebote und Outplacement-Leistungen regelt. Je stärker der Betriebsrat, desto besser ist der Sozialplan in der Regel ausgehandelt.
Abfindungsanspruch: Einen gesetzlichen Anspruch auf Abfindung gibt es in Deutschland nicht. Wer jedoch auf Klage gegen die Kündigung verzichtet (§ 1a KSchG), erhält automatisch eine Abfindung von 0,5 Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr. In der Praxis handeln Betriebsräte oft höhere Sätze aus — bis zu 1,5 oder 2 Monatsgehälter pro Jahr sind bei gut organisierten Betrieben möglich.
Widerspruchsrecht: Wer eine Kündigung erhalten hat, muss innerhalb von drei Wochen Klage beim Arbeitsgericht einreichen, wenn er sie für unwirksam hält. Diese Frist ist unverzichtbar — wer sie versäumt, verliert in der Regel alle Ansprüche, egal wie fehlerhaft die Kündigung war.
Was tun, wenn die Kündigung kommt?
Wer eine betriebsbedingte Kündigung erhält, sollte sich nicht von der emotionalen Belastung lähmen lassen, sondern sofort handeln. Die Schritte in der richtigen Reihenfolge:
Sofort bei der Arbeitsagentur melden: Nach Erhalt der Kündigung müssen sich Arbeitnehmer unverzüglich bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitssuchend melden — und das noch vor Ablauf der Kündigungsfrist. Wer sich zu spät meldet, riskiert eine Sperrzeit beim Arbeitslosengeld, die bis zu drei Monate dauern kann.
Kündigung rechtlich prüfen lassen: Selbst wenn die Kündigung betrieblich begründet klingt, können formale Fehler vorliegen: fehlerhafte Sozialauswahl, nicht eingehaltene Fristen, fehlende Betriebsratsanhörung oder fehlerhafte Schriftform. Ein Arbeitsrechtler kann die Kündigung auf solche Schwachstellen prüfen — und in vielen Fällen eine deutlich höhere Abfindung aushandeln als ursprünglich angeboten.
Sozialplan genau lesen: Viele Arbeitnehmer unterschreiben schnell, ohne den Sozialplan vollständig zu verstehen. Enthält er Verfallklauseln? Wie ist die Abfindung berechnet? Sind Qualifizierungsmaßnahmen bindend zugesagt? Lassen Sie sich Zeit und im Zweifel rechtlich beraten.
Zeugnis sichern: Ein sehr gutes Arbeitszeugnis ist bei einer Massenentlassung keine Selbstverständlichkeit. Bestehen Sie auf einer qualifizierten Beurteilung mit der Formulierung „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" — und lassen Sie das Zeugnis anwaltlich prüfen, wenn Sie Zweifel haben.
Warum jetzt ein Arbeitsrechtler entscheidend ist
Der Fall H&M Hamburg zeigt, was viele Arbeitnehmer erst im Ernstfall verstehen: Beim deutschen Arbeitsrecht gilt das Prinzip der kurzen Fristen. Wer eine Kündigung nicht innerhalb von drei Wochen anficht, hat kaum noch rechtliche Möglichkeiten. Wer zu spät zur Arbeitsagentur geht, verliert Geld.
Gleichzeitig bietet das deutsche Recht mehr Schutz als viele denken — wenn man ihn aktiv einklagt. Fehler im Kündigungsschutzverfahren sind bei Massenentlassungen häufig: falsche Sozialauswahl, nicht ordnungsgemäße Betriebsratsanhörung, fehlerhafte Schriftform.
Ein erfahrener Arbeitsrechtler kann den Unterschied zwischen einer gesetzlichen Mindestabfindung von 2.000 Euro und einer ausgehandelten Abfindung von 20.000 Euro bedeuten. Die Erstberatung kostet in der Regel wenig — der Nutzen kann enorm sein.
Bei Expert Zoom finden Sie qualifizierte Rechtsanwälte für Arbeitsrecht in Ihrer Region, die Ihnen schnell und kompetent weiterhelfen.
Hinweis: Dieser Artikel dient zur allgemeinen Information. Für eine auf Ihre Situation zugeschnittene Rechtsberatung wenden Sie sich an einen Fachanwalt für Arbeitsrecht.
Der Wandel im Einzelhandel: Eine Warnung für ganz Deutschland
H&M ist kein Einzelfall. Der strukturelle Wandel im stationären Einzelhandel betrifft Zehntausende von Beschäftigten bundesweit. Zalando, Amazon, Temu — die Konkurrenz durch Online-Handel wächst unaufhaltsam. Klassische Modeeinzelhandelskonzepte werden zunehmend unter Druck geraten.
Das bedeutet: Das Wissen über Arbeitnehmerrechte bei Betriebsschließungen und Massenentlassungen ist nicht nur für H&M-Mitarbeiter relevant. Jeder, der in der Modebranche, im Einzelhandel, in der Logistik oder in anderen vom digitalen Wandel betroffenen Sektoren arbeitet, kann in den nächsten Jahren in eine ähnliche Situation geraten.
Drei Punkte, die jeder Arbeitnehmer jetzt tun kann — präventiv, nicht erst im Ernstfall:
- Den eigenen Arbeitsvertrag und die Betriebsvereinbarungen verstehen und im Ordner aufbewahren
- Wissen, wer der Betriebsrat ist und wie man ihn kontaktiert
- Die Grundlagen des Kündigungsschutzrechts kennen — oder wissen, wo man kurzfristig Rat bekommt
Vorbereitung ist der beste Schutz.
