Wolfgang Grupp hat mehr als 50 Jahre lang Trigema mit eiserner Hand geführt – ohne Bankschulden, ohne staatliche Subventionen, ohne Produktionsverlagerung ins Ausland. Anfang 2024 übergab er die Leitung des Textilkonzerns aus Burladingen an seine Kinder Bonita Grupp und Wolfgang Grupp junior. Doch im Mai 2026 ist er weiterhin täglich im Betrieb: Er kommt ins Büro, kümmert sich um die Produktionsplanung und gibt Interviews, in denen er die Politik für die wirtschaftlichen Probleme des deutschen Mittelstands verantwortlich macht. Was die Geschichte von Trigema deutschen Unternehmern heute zeigt: Eine gute Unternehmensnachfolge ist die komplexeste Managementaufgabe, die ein Familienunternehmer zu bewältigen hat.
Wolfgang Grupp 2026: Noch immer täglich im Betrieb
In einem aktuellen SWR1-Interview sagte Grupp senior: „Ich habe in meinem Leben alles getan, was ich wollte, und jetzt lasse ich alles auf mich zukommen." Gleichzeitig macht er klar, dass er noch immer gebraucht wird. Die operative Übergabe an die nächste Generation ist formal vollzogen – aber der Patriarch ist da.
Für Experten für Unternehmensnachfolge ist das ein klassisches Muster: Der scheidende Unternehmer gibt die Zügel formal ab, bleibt aber emotional und operativ präsent. Das kann bereichernd sein – oder es kann die Übergabe erschweren, wenn die Nachfolger keinen echten Handlungsspielraum erhalten.
Bonita Grupp und Wolfgang Grupp junior führen seit Anfang 2024 gemeinsam das Unternehmen. Im Jahr 2026 planen sie die Eröffnung eines neuen Besucherzentrums und setzen auf verstärkte Nachhaltigkeitsinitiativen. Das Unternehmen ist weiterhin vollständig in Familienhand – kein externer Investor, keine Börsennotierung.
Die drei größten Fehler bei der Unternehmensnachfolge im Mittelstand
Trigema ist ein Paradebeispiel dafür, wie Unternehmensübergaben gelingen können – aber auch ein Spiegel für typische Stolperfallen. Vermögensberater und auf Unternehmensnachfolge spezialisierte Experten beobachten deutschlandweit immer wieder dieselben Muster:
1. Zu spätes Planen Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM Bonn) stehen jährlich rund 125.000 Familienunternehmen in Deutschland vor einer Nachfolgeregelung – davon haben viele die Planung zu lange aufgeschoben. Wer mit 70 Jahren beginnt, die Nachfolge zu regeln, verliert steuerliche Gestaltungsspielräume und setzt sein Lebenswerk unnötigen Risiken aus.
2. Steuerliche Fallstricke ignorieren Die Übertragung von Betriebsvermögen ist in Deutschland mit erheblichen steuerlichen Konsequenzen verbunden. Das Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz bietet zwar Verschonungsregelungen für Betriebsvermögen (§ 13a ErbStG), doch diese sind an Bedingungen geknüpft: Beschäftigungserhalt, Behaltensfristen, Mindestlohnsummen. Wer diese Bedingungen nicht einhält, zahlt rückwirkend Steuern – manchmal in existenzbedrohender Höhe.
3. Persönliche und unternehmerische Interessen vermischen Der typische Mittelständler hat sein gesamtes Vermögen in das Unternehmen investiert. Oft ist klar, wer das Unternehmen übernehmen soll – aber unklar, wie die Altersvorsorge des scheidenden Unternehmers gesichert wird, wie andere Kinder (ohne Interesse an der Betriebsführung) abgefunden werden und wie Konflikte vermieden werden.
4. Die emotionale Dimension unterschätzen Wolfgang Grupp macht es sichtbar: Selbst nach einer formal vollzogenen Übergabe bleibt die emotionale Verbundenheit stark. Wer ein Unternehmen über Jahrzehnte aufgebaut hat, trennt sich nicht so leicht davon wie von einem Aktienpaket. Ohne bewusste Planung dieser emotionalen Transition – auch für den scheidenden Unternehmer – entsteht ein Vakuum, das Konflikte mit der Nachfolgegeneration provoziert.
Aktuelle Informationen zu Förderprogrammen und Beratungsangeboten für Unternehmensübergaben bietet die KfW-Förderbank auf ihrer Seite zur Unternehmensnachfolge, der staatlichen deutschen Förderbank für Mittelstand und Gründungen.
Trigema als Modell: Was macht diese Nachfolge besonders?
Was Trigema von vielen Nachfolgefällen unterscheidet, ist die gelebte Unternehmenskultur, die bereits frühzeitig auf die nächste Generation übertragen wurde. Bonita und Wolfgang junior sind mit dem Unternehmen aufgewachsen, kennen die Werte, die Mitarbeiter und die Kunden. Das ist kein Zufall – es ist das Ergebnis bewusster Vorbereitung über Jahrzehnte.
Gleichzeitig zeigt das Beispiel Grupp, dass auch bei bester Vorbereitung die emotionale Loslösung schwierig bleibt. Grupp senior ist offiziell in Rente, kommt aber täglich ins Büro. Das ist keine Schwäche – es ist menschlich. Und für Unternehmen mit starker Führungspersönlichkeit ist die Frage, wie der Patriarch loslässt, oft ebenso wichtig wie die formale Eigentumsübertragung.
Was können Sie als Familienunternehmer jetzt tun?
Für die rund 3,5 Millionen Familienunternehmen in Deutschland, die laut IfM Bonn rund 57 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung sichern, ist die Nachfolgefrage existenziell. Hier sind konkrete erste Schritte:
- Unternehmenswert ermitteln lassen: Kein verlässlicher Nachfolgeplan ohne belastbare Bewertung. Erst wenn Sie wissen, was Ihr Unternehmen wert ist, können Sie sinnvoll planen.
- Steuerliche Gestaltung prüfen: Schenkungsteuerliche Regelungen für Betriebsvermögen müssen frühzeitig genutzt werden. Zeithorizonte von 7 bis 10 Jahren vor der Übergabe sind realistisch.
- Familienrat einberufen: Klären Sie offen, wer das Unternehmen führen will und wer nicht – bevor es Erbschaftsstreit gibt.
- Externe Begleitung suchen: Kein Unternehmer muss die Nachfolge alleine lösen. Steuerberater, Vermögensberater und auf Nachfolge spezialisierte Anwälte bieten strukturierte Prozesse.
Ein ähnliches Thema beleuchten wir auch im Artikel über Reinhold Würth und die Übergabe des Familienunternehmens – ein weiteres prominentes Beispiel für die Herausforderungen der Unternehmensnachfolge im deutschen Mittelstand.
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Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle steuerliche oder rechtliche Beratung.

Jens Fischer