Würth-Patriarch Reinhold Würth übergibt: Was Familienunternehmer bei der Nachfolge nicht unterschätzen dürfen
Reinhold Würth (89) hat die Führung seines Unternehmensimperiums mit 87.000 Mitarbeitern an seinen Enkel Benjamin Würth (43) übergeben — eine Nachfolge, über die ganz Deutschland spricht. Was steckt dahinter, und was können andere Familienunternehmen daraus lernen?
Der größte Führungswechsel in der Geschichte der Würth-Gruppe
Zum 1. Januar 2025 hat Reinhold Würth, der die Würth-Gruppe in über 75 Jahren von einem kleinen Schraubengroßhandel zu einem globalen Konzern mit Milliardenumsatz aufgebaut hat, seinen Stuhl als Vorsitzender des Aufsichtsrats geräumt. Sein Nachfolger ist Enkel Benjamin Würth (43), der 25 Jahre Erfahrung im Unternehmen mitbringt — auf nationaler wie internationaler Ebene.
Gleichzeitig übernahm Sebastian Würth (39) den Vorsitz des Beirats von seiner Tante Bettina Würth (63), die diesen Posten seit 2006 innehatte. Und Maria Würth (34) übernimmt die Leitung des Bereichs Kunst und Kultur von der langjährigen Geschäftsführerin C. Sylvia Weber. Alle drei Nachfolger sind laut offizieller Mitteilung der Würth-Gruppe seit vielen Jahren im Unternehmen tätig und wurden gezielt aufgebaut.
Dass im April 2026 der Trend "Reinhold Würth" auf Google hochschnellt, liegt wohl an neuen Statements Würths zu Wirtschaft und Mittelstand — der Schraubenkönig gilt als einer der lautesten Stimmen für den deutschen Familienkapitalismus.
Der Würth-Weg: Kein Zufall, sondern System
Was die Würth-Nachfolge von vielen gescheiterten Übergaben in Familienunternehmen unterscheidet, ist die Langfristigkeit. Benjamin Würth hat nicht von einem auf den anderen Tag die Führung übernommen — er hat seit über zwei Jahrzehnten in verschiedenen Positionen des Unternehmens gearbeitet. Genau das ist laut Experten für Unternehmensnachfolge der entscheidende Faktor: nicht wer nachfolgt, sondern wie gut und wie früh die Übergabe geplant wurde.
In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt jährlich mehrere zehntausend Unternehmensübergaben. Schätzungen zufolge scheitert ein erheblicher Teil davon — nicht wegen fehlender Kandidaten, sondern wegen mangelnder Planung, rechtlicher Lücken oder steuerlicher Überraschungen.
Die 5 häufigsten Fehler bei der Unternehmensnachfolge
Familienbetriebe, die die Würth-Geschichte als Vorbild nehmen wollen, sollten folgende Stolpersteine kennen:
1. Zu spät anfangen: Viele Unternehmer beginnen die Planung erst, wenn Gesundheit oder äußere Ereignisse sie dazu zwingen. Experten empfehlen, spätestens fünf bis zehn Jahre vor der geplanten Übergabe zu beginnen.
2. Steuerliche Fallstricke ignorieren: Eine Unternehmensübergabe kann erhebliche Schenkung- oder Erbschaftsteuern auslösen. Mit rechtzeitiger Planung — etwa durch die Übertragung von Anteilen in Tranchen — lässt sich die Steuerlast legal und deutlich reduzieren.
3. Die Nachfolger nicht ausreichend einbinden: Wer seinen Betrieb übergibt, ohne den oder die Nachfolger zuvor tief in Entscheidungen, Kunden und Strukturen einzubinden, riskiert Reibungsverluste und Vertrauensverluste bei Mitarbeitern und Partnern.
4. Familieninterne Konflikte unterschätzen: Gerade wenn mehrere potenzielle Nachfolger vorhanden sind, entstehen Spannungen. Klare Vereinbarungen — rechtlich fixiert — helfen, spätere Streitigkeiten zu vermeiden.
5. Keine externe Beratung einzuholen: Ein Steuerberater allein reicht oft nicht. Unternehmensnachfolgen brauchen häufig eine Kombination aus Rechtsanwalt, Steuerberater und einem spezialisierten Vermögensberater oder M&A-Berater, der die wirtschaftliche Bewertung des Betriebs sicherstellt.
Was passiert, wenn kein Nachfolger aus der Familie kommt?
Nicht jedes Unternehmen hat einen Benjamin Würth in den Reihen. Wer keine geeigneten Nachfolger in der Familie hat, steht vor anderen Entscheidungen: externer Geschäftsführer, Management-Buy-out (MBO), Verkauf oder sogar eine geordnete Schließung.
Auch diese Optionen erfordern intensive Vorbereitung. Ein zu schneller Verkauf führt häufig zu schlechten Konditionen — gerade wenn der Käufer weiß, dass der Verkäufer unter Zeitdruck steht. Eine realistische Bewertung des Unternehmens, eine klare Vorstellung vom Wunschpreis und Geduld bei den Verhandlungen sind entscheidend.
Jetzt handeln, auch ohne Milliardenvermögen
Der Fall Würth zeigt: Erfolgreiche Nachfolge ist kein Glück, sondern das Ergebnis von Planung, Kommunikation und rechtlicher Absicherung. Diese Prinzipien gelten für den Schraubenkönig genauso wie für den Elektrobetrieb mit zehn Mitarbeitern oder das Familienrestaurant in dritter Generation.
Wer sein Unternehmen in gute Hände geben möchte — ob in fünf oder in zwanzig Jahren — sollte jetzt das Gespräch mit einem Vermögensberater oder Nachfolgeexperten suchen. Denn was für Reinhold Würth gilt, gilt auch im Kleinen: Die beste Übergabe ist die, die zu früh geplant zu sein scheint.
Rechtliche Absicherung: Der Gesellschaftsvertrag als Fundament
Bevor eine Übergabe vollzogen wird, sollte der Gesellschaftsvertrag des Unternehmens sorgfältig geprüft und angepasst werden. Viele ältere Gesellschaftsverträge enthalten Klauseln, die bei einer Übergabe unerwartete Folgen haben können — zum Beispiel automatische Auflösungsregeln beim Tod des Inhabers, Vorkaufsrechte für andere Gesellschafter oder unklare Regelungen zur Gewinnausschüttung.
Ein spezialisierter Rechtsanwalt für Gesellschaftsrecht kann diese Risiken identifizieren und gemeinsam mit dem Steuerberater einen rechtssicheren Übergabeplan entwickeln. Das kostet Zeit und Geld — aber deutlich weniger als ein ungeplanter Erbfall, der den Betrieb in eine Krise treibt.
Was Reinhold Würths Geschichte wirklich zeigt
Die Nachfolge bei Würth ist kein Selbstläufer gewesen. Jahrzehntelang hat Reinhold Würth an der Struktur gearbeitet: Familienstiftungen wurden gegründet, Beiräte professionell besetzt, Nachfolger über Jahrzehnte hinweg entwickelt. Wer dieses Modell als "einfach" oder "selbstverständlich" abtut, unterschätzt die dahinterstehende strategische Arbeit.
Der eigentliche Lerneffekt für Familienunternehmer ist dieser: Die Nachfolge ist kein Ereignis, das irgendwann stattfindet. Sie ist ein Prozess, der heute beginnt — unabhängig davon, wie weit der Ruhestand entfernt scheint. Je früher Strukturen aufgebaut, Verantwortung übertragen und rechtliche Weichen gestellt werden, desto reibungsloser wird die Übergabe verlaufen.

Julia Richter