Als Carlos Alcaraz verletzt aufgab, Jannik Sinner überraschend früh ausschied und Novak Djokovic Paris frühzeitig verlassen musste, passierte etwas Historisches: Alexander Zverev wurde bei Roland Garros 2026 zum haushohen Topfavoriten auf den Titel. Für den 29-jährigen Hamburger ist das zugleich die größte Chance und die schwerste mentale Prüfung seiner Karriere.
Die Favoritenrolle ist kein Geschenk
In der Sportpsychologie gilt die Favoritenrolle als zweischneidiges Schwert. Wer als klarer Favorit ins Turnier geht, kämpft nicht nur gegen den Gegner auf der anderen Seite des Netzes — sondern auch gegen die eigene Erwartungshaltung, die seines Teams und die der gesamten Öffentlichkeit.
Zverev kennt dieses Szenario. Bei den US Open 2020 führte er gegen Dominic Thiem mit zwei Gewonnen Sätzen und verlor dennoch. Bei Roland Garros 2024 unterlag er Carlos Alcaraz im Finale. Es ist dieses Muster, das Beobachter und Experten beschäftigt, während der Deutsche nun erneut mit dem Druck kämpft, seinen ersten Grand-Slam-Titel zu holen — ausgerechnet in Paris, wo er zweimal gescheitert ist.
Das Feld ist so offen wie seit Jahrzehnten nicht. Alcaraz verletzte sich, Sinner schied überraschend aus, Djokovic kam nicht weit. Andy Roddick brachte es auf den Punkt: „Zum ersten Mal in seiner Karriere ist er in dieser Turnierphase tatsächlich der haushohe Favorit." Das macht die Situation einzigartig — und psychologisch extrem komplex.
Zverevs Strategie: Handy aus, Fokus ein
Der Deutsche weiß, was er tut. Sein Credo in Paris lautet schlicht: „Mein Handy ist aus." Keine sozialen Netzwerke, keine Schlagzeilen, kein Außenlärm. Das ist keine Modeerscheinung, sondern eine scientifisch fundierte Strategie.
Sportpsychologen unterscheiden zwischen zwei Hauptproblemen, die Hochleistungsathleten unter extremem Druck beeinträchtigen: Overthinking — das ständige Grübeln über mögliche Fehler — und External Monitoring, also die übermäßige Beschäftigung mit Medien, sozialen Netzwerken und der Meinung anderer. Wer beides reduziert, kann sich besser auf das konzentrieren, was zählt: den nächsten Punkt, das nächste Spiel.
Zverev geht noch einen Schritt weiter und denkt bewusst in kleinen Einheiten. „Von Spiel zu Spiel" ist sein Mantra in Paris. Sportpsychologen nennen das Prozessorientierung — und es ist eines der am besten belegten Prinzipien zur Prävention von Leistungseinbrüchen unter Druck.
Der Choking-Effekt: Wenn das Gehirn sich selbst sabotiert
Es gibt ein sportpsychologisches Phänomen, das in Schlüsselmomenten zur Falle wird: der sogenannte Choking-Effekt. Unter extremem Druck wechselt das Gehirn von automatischer Steuerung auf explizite, bewusste Kontrolle. Man beginnt, Bewegungsabläufe zu steuern, die sonst völlig unbewusst funktionieren. Das Resultat ist häufig eine Verschlechterung der Leistung — nicht wegen mangelnder Fitness, sondern wegen zu viel Nachdenken.
Für Tennisprofis auf Grand-Slam-Niveau bedeutet das: Ein Aufschlag, der im Training ohne Nachdenken landet, kann im Finale durch bewusstes Eingreifen ins Stocken geraten. Laut dem Institut für Sportpsychologie der Deutschen Sporthochschule Köln ist der Choking-Effekt besonders ausgeprägt bei Athleten, die eine lange Geschichte von „Fast-Titeln" haben — also wie Zverev, der bereits zweimal an Grand-Slam-Titeln gescheitert ist.
Was die Wissenschaft empfiehlt
Eine umfassende Meta-Analyse aus dem Jahr 2024, veröffentlicht in der International Review of Sport & Exercise Psychology (Hufton et al., 29 qualitative Studien, über 500 Teilnehmer), zeigt die wirksamsten Techniken für Hochleistungsathleten unter extremem Druck:
Instruktive Selbstgespräche: Statt „Ich darf jetzt keinen Fehler machen" trainieren Sportler konkrete Handlungsanweisungen: „Tief atmen, tief in die Hocke, erste Bewegung früh." Das umgeht das Overthinking direkt.
Achtsamkeit und Atemkontrolle: Zwischen den Punkten bewusst zu atmen senkt nachweislich den Cortisolspiegel und verbessert die Konzentrationsfähigkeit. Viele ATP-Profis nutzen diese Technik systematisch.
Visualisierungstraining: Wichtige Spielsituationen im Kopf vollständig durchzugehen — mit allen Sinnen — bereitet das Nervensystem auf reale Belastungen vor. Was das Gehirn einmal „erlebt" hat, reagiert im echten Moment ruhiger.
Fokus auf Prozess, nicht Ergebnis: Der Titel ist das Fernziel. Was im Kopf bleiben soll, ist der Matchplan für die nächste Stunde — nicht der Pokal in drei Wochen.
Wenn mentaler Druck körperliche Folgen hat
Was viele unterschätzen: anhaltender psychischer Druck im Leistungssport hinterlässt körperliche Spuren. Chronisch erhöhte Cortisolwerte beeinflussen Schlafqualität, Muskelregeneration und das Immunsystem. Mehrere Studien belegen, dass Profisportler in besonders stressreichen Turnierphasen häufiger an Erkältungen, Muskelverletzungen und Schlafstörungen leiden — auch ohne sichtbare psychische Symptome.
Sportpsychologie und Sportmedizin sollten deshalb Hand in Hand gehen. Was Zverev erlebt, ist ein Extrembeispiel — aber die Mechanismen sind dieselben, die auch Hobbysportler aus dem Alltag kennen. Der Druck vor dem Firmen-Fußballturnier, das wichtige Tennismatch im Verein, die Prüfung nach Wochen des Trainings.
Genau so hat es auch Andrea Petkovic nach ihrem Karriereende erfahren: Profisportler brauchen mentale Unterstützung nicht nur in Krisen, sondern als festen Bestandteil ihrer Leistungsförderung.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Sportpsychologen empfehlen, bei folgenden Zeichen professionelle Unterstützung zu suchen:
- Anhaltende Angstzustände oder Schlafprobleme vor wichtigen Wettkämpfen
- Leistungseinbrüche trotz harter Vorbereitung und guter körperlicher Form
- Negative Gedankenmuster, die die Freude am Sport verdrängen
- Körperliche Symptome wie Magenprobleme oder Kopfschmerzen vor Leistungssituationen
Ob Tennisprofi oder Hobbyläufer: Ein auf Sportpsychologie oder mentale Gesundheit spezialisierter Experte kann individuelle Strategien entwickeln, die wirklich helfen — keine Motivationsfloskeln, sondern konkrete, wissenschaftlich belegte Techniken.
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Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische oder psychologische Beratung.

Lena Meyer