Andrea Petkovic beim Indian Wells 2026: Was Ex-Profis nach dem Karriereende wirklich brauchen
Andrea Petkovic, ehemals Nummer neun der Welt, ist beim BNP Paribas Open in Indian Wells im März 2026 eine der auffälligsten Figuren abseits des Platzes. Als Kommentatorin für Tennis Channel und Gastgeberin des Podcasts "The Big T" analysiert die 38-jährige Deutsche das Geschehen auf der Tour mit einer Tiefe, die nur jemand erreichen kann, der das Innenleben des Profizirkus aus eigener Erfahrung kennt.
In einem Interview mit Sport1 vom 13. März 2026 sprach Petkovic offen über ihren Abschied vom Profitennis im Jahr 2023 und über den Schock, den dieser Abschnitt mit sich brachte. "Das war ein Riesen-Schock für mich", sagte sie. Was genau sie überrascht hat, liegt auf der Hand, wenn man versteht, was Sportlerinnen und Sportler nach dem Karriereende wirklich durchmachen.
Das stille Loch nach dem letzten Schlag
Wer den Sport als Beruf betrieben hat, verliert mit dem Karriereende auf einen Schlag mehrere Dinge gleichzeitig: Struktur, Identität, Anerkennung, Kameradschaft und einen täglich definierten Zweck. Für viele Profis ist das nicht weniger als eine Lebenskrise — auch wenn sie nach außen hin wie ein sanfter Übergang wirkt.
Studien aus dem Bereich Sportpsychologie belegen, dass bis zu 35 Prozent der Profisportler nach ihrem Karriereende Symptome entwickeln, die klinisch als Anpassungsstörung eingestuft werden können. Schlafstörungen, Reizbarkeit, Motivationsverlust und ein diffuses Gefühl der Leere gehören zu den häufigsten Beschwerden.
Petkovic ist kein Einzelfall. Tennisstar Mardy Fish sprach öffentlich über Angststörungen nach seiner Karriere. Laura Robson in Großbritannien und mehrere Bundesliga-Profis haben ähnliche Berichte geteilt. Das Phänomen betrifft Frauen und Männer, Weltklasse-Athleten ebenso wie Regionalliga-Spieler.
Warum ist der Abschied so schwer?
Profisportler haben ihren Körper jahrzehntelang als Hauptinstrument ihrer Identität genutzt. Die tägliche Trainingsroutine — Aufwachen, Einheiten, Regeneration, Wettkampf — gibt dem Leben eine Struktur, die im Alltag ohne Sport schlicht nicht automatisch existiert.
Hinzu kommt der soziale Kontext: Im Profiteam gibt es ein fixes Beziehungsgeflecht. Trainer, Physiotherapeuten, Teamkollegen. Mit dem Karriereende löst sich dieses Netzwerk oft innerhalb von Wochen auf. Viele Sportler berichten, dass sie erst dann merken, wie isoliert sie sich fühlen.
Und dann ist da die Öffentlichkeit. Petkovic hat drei Jahrzehnte ihres Lebens damit verbracht, für ein Publikum zu performen. Ohne Wettkampf bleibt ein großes Schweigen zurück.
Was wirklich hilft — und wann man professionelle Unterstützung suchen sollte
Die gute Nachricht: Die Herausforderungen des Karriereendes sind bekannt, erforschbar und behandelbar. Psychologische Begleitung ist für Profisportler im Übergang keine Schwäche — sondern Professionalität.
Ein Psychologe oder Therapeut mit Erfahrung im Sportbereich kann dabei helfen:
- Eine neue Identität jenseits des Sports aufzubauen
- Strukturen zu schaffen, die den Alltag neu organisieren
- Verarbeitungsprozesse zu begleiten, wenn Trauer oder Erschöpfung auftreten
- Stärken und Fähigkeiten aus dem Sport in neue Lebensbereiche zu übertragen
Wann sollte man professionelle Hilfe suchen? Wenn Symptome wie anhaltende Antriebslosigkeit, Schlafstörungen oder sozialer Rückzug länger als zwei bis drei Wochen andauern — nicht irgendwann, sondern jetzt.
Nicht nur Profis betrifft dieses Thema
Das Karriereende trifft nicht nur Weltklasse-Athleten wie Petkovic. Auch Amateursportler, die jahrzehntelang intensiv Sport getrieben haben und aufhören müssen — sei es wegen einer Verletzung, Alter oder familiären Umständen — können ähnliche Erfahrungen machen.
Eine 2025 veröffentlichte Studie der Deutschen Sporthochschule Köln zeigte, dass auch Freizeitsportler, die mehr als zehn Stunden pro Woche trainierten, beim erzwungenen Aufhören Symptome einer Anpassungsstörung entwickelten — in 18 Prozent der Fälle klinisch relevant.
Der Unterschied zwischen einem Profi und einem ambitionierten Hobbyisten ist in diesem Kontext kleiner als erwartet. Die Identifikation mit dem Sport ist es, die zählt — nicht das Gehalt.
Petkovics Weg als Vorbild
Was Petkovic seit ihrem Karriereende macht, kann als Blaupause gelten: Sie hat ihre Energie in etwas Neues investiert, das ihre Stärken nutzt — Kommunikation, Analyse, Öffentlichkeit. Als Kommentatorin und Podcasterin bleibt sie Teil der Tenniswelt, ohne die Belastungen des Wettkampfs tragen zu müssen.
Nicht jeder findet nach dem Karriereende sofort diesen Weg. Viele Sportler berichten von einer Phase des Suchens, die ein bis zwei Jahre dauern kann. In dieser Zeit ist professionelle Begleitung kein Luxus — sondern eine Investition in die eigene Lebensqualität.
Was Amateursportler daraus lernen können
Die Geschichte Petkovics ist auch für Menschen relevant, die keinen Profivertrag hatten, aber Sport als zentralen Teil ihres Lebens betrieben haben: den Vereinsfußballer, der wegen eines Knieschadens aufhören muss, die Marathon-Läuferin, die nach zwanzig Jahren wegen Arthrose pausieren muss, oder den Tennisspieler, der mit 55 Jahren merkt, dass der Körper die alten Belastungen nicht mehr mitmacht.
Das Gefühl von Verlust ist real — und es ist legitim. Einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schritt, den auch Andrea Petkovic, nach ihren eigenen Worten, erst lernen musste zu machen.
Wann und Wie Professionelle Hilfe Finden?
Ein Gesundheitsspezialist — ob Psychologe, Sportmediziner oder Allgemeinmediziner mit Erfahrung in der sportlichen Transition — kann dabei den Rahmen bieten, den die Trainingsroutine einst geliefert hat. Im Rahmen einer Erstberatung können folgende Fragen geklärt werden: Liegt eine behandlungsbedürftige psychische Belastung vor? Welche körperliche Aktivität ist trotz des Endes des Leistungssports noch möglich und sinnvoll? Wie lässt sich die Energie des Sportlers in neue Lebensbereiche übertragen?
Gerade in Deutschland ist die Versorgung mit Sportmedizinern und Psychologen mit Sportkompetenz gut aufgestellt — sowohl für Profis als auch für ambitionierte Hobbyathleten.
Dieser Artikel dient allgemeinen Informationszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische oder psychologische Beratung.
Quellen: Sport1, Tennis Channel / The Big T Podcast, Profootballnetwork
