Am 21. März 2026 rollen die besten Eintagesradsportler der Welt durch die 298 Kilometer von Pavia bis San Remo — la Primavera, das älteste Monument des Straßenradsports. Mit Tadej Pogačar und Mathieu van der Poel (Titelverteidiger aus 2025) stehen sich die zwei momentan stärksten Radsportler der Welt gegenüber. Was die Faszination dieser Rennen für Millionen von Hobbyradfahrern bedeutet, ist nicht nur sportlich spannend — es ist auch medizinisch relevant.
Was Mailand–San Remo von anderen Rennen unterscheidet
La Primavera ist das längste Eintagesrennen im Profi-Peloton. Kein anderes Monument fordert die Fahrer in dieser Kombination aus Distanz, Küstenanfahrten, schnellen Abstiegen und dem berüchtigten Finaldoppel Cipressa und Poggio. Mads Pedersen startete das Rennen 2026, obwohl er erst sechs Wochen zuvor Schlüsselbein und Handgelenk gebrochen hatte — ein Beispiel dafür, wie weit Spitzensportler die Grenzen des medizinisch Vertretbaren ausloten.
Für Profifahrer stehen Teams von Sportmedizinern, Physiotherapeuten und Ernährungsberatern bereit. Für die Millionen Hobbyradfahrer in Deutschland, die sich von solchen Events inspirieren lassen, gilt: der gleiche Trainingsaufwand ohne die gleiche Betreuung führt regelmäßig zu vermeidbaren Verletzungen.
Die häufigsten Verletzungen bei ambitionierten Hobbyradfahrern
Sportmediziner, die regelmäßig Radsportler behandeln, sehen immer wieder dieselben Muster:
Knieschmerzen durch falsche Sitzposition: Die Überlastung des Kniescheibenknorpels (Chondropathia patellae) ist die häufigste Beschwerdeform bei Radfahrern. Ursache ist fast immer eine falsche Sattel- oder Pedalstellung. Eine professionelle Radpassung (Bike Fitting) behebt das Problem in vielen Fällen innerhalb weniger Wochen — aber der erste Schritt ist eine sportmedizinische Abklärung, um strukturelle Schäden auszuschließen.
Iliosakralsyndrom und Rückenschmerzen: Die gebeugte Haltung auf dem Rennrad belastet die Lendenwirbelsäule und den Iliosakralbereich dauerhaft. Lange Ausfahrten von mehr als vier Stunden ohne ausreichende Rumpfkraftausdauer führen dazu, dass die Stabilisierungsarbeit von der Muskulatur auf passive Strukturen wie Bänder und Bandscheiben verlagert wird. Physiotherapie und gezieltes Krafttraining sind in solchen Fällen effizienter als passive Maßnahmen allein.
Taubheitsgefühle in Händen und Fingern: Das Ulnaristunnelsyndrom — eine Einklemmung des Ellennervs am Handgelenk — ist unter Radsportlern weit verbreitet. Die dauerhafte Belastung der Handballen auf dem Lenker komprimiert den Nerv. Ergonomische Lenkergriffe und Handschuhe mit Gelpolsterung helfen, sind aber kein Ersatz für eine neurologische Abklärung bei anhaltenden Beschwerden.
Vor dem Frühjahrsauftakt: Was ein Sportarzt prüfen sollte
Der Frühling ist für viele Hobbyradsportler die Zeit, in der das Training nach den Wintermonaten wieder hochgefahren wird. Genau in dieser Phase häufen sich Überbelastungsschäden. Ein Sportmediziner führt vor der intensiven Saison eine gezielte Untersuchung durch:
- Herzlungen-Funktion: Ein Belastungs-EKG zeigt, ob das Herz-Kreislauf-System nach der Winterpause die Intensitäten des Sommertrainings verträgt.
- Beweglichkeit und Muskelbalancen: Verkürzungen in der hinteren Oberschenkelmuskulatur oder Hüftbeugern erhöhen das Verletzungsrisiko auf dem Rad erheblich.
- Knochendichte: Radsport ist ein gewichtsentlastender Sport — Radfahrer weisen häufiger eine geringere Knochendichte auf als Läufer oder Mannschaftssportler, was Stressfrakturen begünstigt.
Das Starz-Phänomen: Warum Rennen wie la Primavera Hobbyradfahrer zu Risiken verleiten
Mailand–San Remo hat eine besondere Sogwirkung: Millionen Hobbyradfahrer schauen das Rennen und verspüren den Drang, am nächsten Wochenende selbst eine große Ausfahrt zu unternehmen. Sportpsychologen bezeichnen dies als "Inspiration Gap" — die Diskrepanz zwischen der Leistung, die man sieht, und der körperlichen Vorbereitung, die man tatsächlich hat.
Profifahrer wie Pogačar oder van der Poel absolvieren 30.000 bis 40.000 Trainingskilometer pro Jahr, bevor sie beim Frühjahrsklassiker starten. Ein ambitionierter Hobbyfahrer liegt bei einem Zehntel davon. Die Physiologie des Körpers — Sehnenstärke, Knochenbelastbarkeit, aerobe Kapazität — spiegelt diesen Unterschied wider.
Die häufigsten Fehler nach einem Motivationsschub:
- Zu langer erster Ausritt nach der Winterpause: Der Körper hat in wenigen Wochen nicht die Belastbarkeit aufgebaut, die ein 150-km-Tag erfordert
- Zu schnelle Erhöhung der Intensität: Intervalltraining auf Profiniveau nach Monaten moderater Ausdauer ist ein direkter Weg zu Knietendinopathien
- Vernachlässigung der Erholung: La Primavera beginnt am Morgen und endet nach sieben Stunden — Hobbyfahrer brauchen für dieselbe Distanz oft doppelt so lange, mit proportional höherer Erschöpfung
Was passiert, wenn man nicht auf seinen Körper hört
Mailand–San Remo 2026 erinnert uns daran, dass selbst Profis — Mads Pedersen startete sechs Wochen nach gebrochenem Schlüsselbein und Handgelenk — an den Grenzen des medizinisch Vertretbaren operieren. Für Hobbysportler ohne professionelles Betreuerteam gilt umso mehr: einen Schmerz zu ignorieren, weil man "in Form bleiben" möchte, führt in der Sportmedizin regelmäßig zu längeren Ausfällen als eine frühzeitige Behandlung.
Die goldene Regel: Schmerzen, die nach 48 Stunden Ruhe nicht deutlich nachlassen, verdienen ärztliche Aufmerksamkeit — und keine weiteren Trainingskilometer.
Ein Sportmediziner kann gezielt einschätzen, ob ein Schmerz auf eine behandlungsbedürftige Struktur hinweist oder "normaler" Trainingsschmerz ist. Diese Unterscheidung ist nicht immer intuitiv und oft der Unterschied zwischen einer Woche Pause und einem monatelangen Ausfall.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Bei anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich an einen Sportmediziner oder Allgemeinmediziner.
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Weitere Informationen zu Sportverletzungen finden Sie in unserem Artikel über Verletzungen im Profi-Tennis und ihre sportmedizinischen Hintergründe.

