Die Grippeimpfung 2026 ist angelaufen – und in deutschen Arztpraxen beginnt der alljährliche Herbst-Countdown. Doch trotz breiter Aufklärungskampagnen bleibt die Impfquote in Deutschland erschreckend niedrig: In Baden-Württemberg griffen laut Techniker Krankenkasse gerade einmal 25 Prozent der über 60-Jährigen zur Grippe-Spritze – der bundesweite Tiefstwert. In Sachsen-Anhalt dagegen ließen sich immerhin 54 Prozent impfen. Die Frage, die viele im Oktober 2026 beschäftigt, ist längst nicht mehr nur: „Soll ich mich impfen lassen?" Sondern: „Welche Impfungen passen tatsächlich zu mir?"
Warum genau jetzt der Herbst entscheidend ist
Oktober und November gelten laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) als idealer Impfzeitraum – nicht zufällig, sondern aus epidemiologischen Gründen. Die Grippesaison beginnt typischerweise zwischen November und Dezember. Wer sich im Oktober impfen lässt, hat zwei bis drei Wochen Zeit, einen vollständigen Immunschutz aufzubauen, bevor die ersten Erkältungswellen anrollen.
Für den Herbst 2026 empfiehlt die STIKO mehrere Impfungen für Risikogruppen. Die Influenza-Impfung gilt für alle Personen ab 60 Jahren, Schwangere ab dem zweiten Trimester, chronisch Kranke und bestimmte Berufsgruppen. Für Menschen ab 60 ist dabei der Hochdosis-Impfstoff oder ein MF59-adjuvantierter Impfstoff dem Standard-Impfstoff vorzuziehen – diese Unterscheidung kennen die wenigsten Betroffenen. Der COVID-19-Booster wird einmal jährlich für Personen ab 60 sowie für alle mit relevanten Grunderkrankungen empfohlen. Seit der STIKO-Empfehlung 2025 ist zudem der RSV-Impfstoff für Personen ab 60 Jahren verfügbar und besonders relevant für Ältere mit Herzinsuffizienz oder chronischen Lungenerkrankungen. Und der Pneumokokken-Schutz muss für Personen ab 60 und chronisch Kranke in der Regel alle fünf bis sechs Jahre aufgefrischt werden.
Das Problem: Wer diese Empfehlungen nicht kennt oder sich blind auf die Standard-Grippeimpfung verlässt, riskiert, wichtige Schutzlücken offen zu lassen.
Welche Frage stellen sich die meisten Menschen gerade?
„Ich habe doch schon eine Grippeimpfung bekommen – brauche ich wirklich noch mehr?" Diese Frage stellen sich im Oktober Millionen Deutsche, besonders Ältere und chronisch Kranke. Die Antwort ist individuell und hängt von Faktoren ab, die nur ein Arzt einschätzen kann: Vorerkrankungen, aktuelle Medikation, Impfhistorie und persönliches Risikoprofil.
Das ist auch der Mechanismus, den viele unterschätzen: Eine Impfempfehlung der STIKO ist eine Bevölkerungsempfehlung – sie sagt, wer grundsätzlich geimpft werden sollte. Sie ersetzt jedoch keine ärztliche Einschätzung, welcher Impfstoff in welcher Kombination sinnvoll ist. Wer zum Beispiel Immunsuppressiva nimmt oder blutverdünnende Mittel einnimmt, braucht möglicherweise einen anderen Impfzeitplan als jemand ohne Grunderkrankung. Bei manchen Medikamenten kann der Zeitpunkt der Impfung die Wirksamkeit deutlich beeinflussen – ein Detail, das ohne Fachkenntnis kaum bekannt ist.
Hinzu kommt: In Deutschland sind bestimmte Impfungen bei kassenärztlicher Indikation vollständig kostenlos, andere werden nur bei dokumentierten Vorerkrankungen erstattet. Ohne Arztgespräch kann niemand wissen, welche Kombination für sie oder ihn gilt – und wer ohne Kassenrezept in die Apotheke geht, zahlt für Impfstoffe unter Umständen privat, die er kostenlos hätte bekommen können.
Was wirklich geschieht, wenn man es dem Zufall überlässt
Klaus ist 68 Jahre alt, lebt in Augsburg und wurde vor zwei Jahren mit Herzinsuffizienz und Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Im Oktober 2026 geht er – wie jedes Jahr – kurz in die Apotheke und lässt sich dort die Standard-Grippeimpfung spritzen. Fertig, denkt er.
Was Klaus nicht weiß: Als Patient mit Herzinsuffizienz gehört er zur Hochrisikogruppe für RSV-Pneumonie. Laut Robert Koch-Institut werden bei RSV-Erkrankungen ältere Patienten besonders schwer betroffen, mit durchschnittlichen Krankenhauskosten zwischen 4.000 und 9.000 Euro pro stationärem Aufenthalt in der Intensivbehandlung.
Die RSV-Impfung, die ihm zugestanden hätte und seit 2025 für Personen ab 60 Jahren von der STIKO empfohlen wird, kostet Klaus null Euro Eigenanteil – vorausgesetzt, sein Hausarzt hat die Indikation korrekt dokumentiert und das Kassenrezept ausgestellt. Dazu kommt: Sein letzter Pneumokokken-Booster liegt sechs Jahre zurück – eigentlich wäre eine Auffrischung jetzt fällig. Und für seinen Hochdosis-Influenza-Impfstoff hätte er nicht in die Apotheke, sondern zur Arztpraxis gemusst.
Wenn Klaus also nach fünf Minuten Apotheke nach Hause geht, glaubt er, er sei geschützt. Tatsächlich hat er drei Impflücken und ein vermeidbares Hospitalisierungsrisiko im Wert von bis zu 9.000 Euro offen gelassen. Ein einziges zwanzigminütiges Gespräch beim Hausarzt hätte den gesamten Impfplan für den Herbst 2026 koordiniert – vollständig auf Krankenkassenkosten. Der Hausarzt hätte außerdem automatisch geprüft, ob Klaus als Kassenpatient mit dokumentierter Herzinsuffizienz Anspruch auf den Hochdosis-Grippe-Impfstoff hat, der für über 60-Jährige mit Grunderkrankungen empfohlen ist und vom Standard-Impfstoff der Apotheke verschieden ist. Die Differenz lautet konkret: 0 Euro für vollständigen Impfschutz durch Arztgespräch versus bis zu 9.000 Euro Eigenrisiko durch Hospitalisierung bei vermeidbarer RSV-Pneumonie.
Warum die Impfkampagne allein nicht reicht
Das eigentliche Problem liegt im System. Jedes Jahr starten Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) Kampagnen mit dem Slogan „Jetzt impfen!". Die Botschaft ist richtig – aber zu pauschal.
Die Zahlen zeigen, dass die Impfquoten trotz Kampagnen seit Jahren in vielen Regionen sinken. Zwischen dem schlechtesten und besten Bundesland liegt eine Differenz von fast 30 Prozentpunkten – ein deutlicher Hinweis darauf, dass Wissen und Vertrauen in die individuelle Beratung maßgeblich sind. Allgemeine Aufrufe ändern das Verhalten nicht. Was ändert es: das persönliche Arztgespräch, bei dem der Impfplan konkret auf die eigene Situation zugeschnitten wird.
Wer sich nicht beraten lässt, impft sich entweder gar nicht oder – wie Klaus – unvollständig. Dabei ist der Aufwand minimal: Eine Hausarzt-Konsultation speziell zum Impfplan dauert in der Regel 15 bis 20 Minuten und wird von den gesetzlichen Krankenkassen als Vorsorgeleistung abgedeckt.
Wie Sie jetzt konkret vorgehen können
Die Herbst-Impfkampagne 2026 ist ein guter Anlass, nicht einfach blind „die Grippe-Spritze" zu holen, sondern bewusst eine individuelle Impfentscheidung zu treffen. Folgende Schritte sind sinnvoll.
Suchen Sie zunächst Ihren Impfpass heraus: Welche Impfungen liegen bereits vor? Wann wurden sie gemacht? Liegt ein Auffrischungsrückstand vor? Kontaktieren Sie dann Ihren Hausarzt und vereinbaren Sie einen kurzen Termin für ein Impfberatungsgespräch – explizit für die Herbst-Impfung 2026, damit der Arzt den Impfstatus vollständig prüfen kann.
Benennen Sie dabei Ihre Grunderkrankungen direkt: Diabetes, Herzinsuffizienz, COPD, Immunsuppression – das sind die entscheidenden Faktoren für den individuellen Impfplan. Und stellen Sie gezielt Fragen: „Brauche ich einen Hochdosis-Impfstoff?" – „Kommt für mich die RSV-Impfung infrage?" – „Ist mein Pneumokokken-Schutz noch aktuell?"
Laut den Impfempfehlungen des Robert Koch-Instituts ist die kombinierte Gabe von Grippe- und COVID-19-Booster an einem einzigen Termin sicher und ausdrücklich empfohlen – das spart Zeit und reduziert die Hemmschwelle für Menschen, die mehrere Arzttermine scheuen.
Wer zu einer besonders vulnerablen Gruppe gehört – Menschen über 70 mit mehreren Grunderkrankungen oder mit komplex regulierter Medikation –, sollte auch die Möglichkeit eines Internistengesprächs zur Herbst-Impfplanung in Betracht ziehen. Der Hausarzt bleibt der erste Ansprechpartner, aber ein Internist kennt die Wechselwirkungen zwischen Erkrankungen und Impfreaktionen besonders genau.
Wann ein Experte wirklich den Unterschied macht
Die Impfkampagne 2026 ist kein Selbstläufer. Die anhaltend niedrigen und regional sehr ungleich verteilten Impfquoten – von 25 Prozent in Baden-Württemberg bis 54 Prozent in Sachsen-Anhalt – zeigen, dass allgemeine Appelle allein das Verhalten nicht ändern. Was wirklich hilft: eine individuelle, persönliche Beratung durch einen Arzt, der den konkreten Impfstatus und die Gesundheitssituation kennt.
Wer zu einer Risikogruppe gehört – oder sich nicht sicher ist, ob er dazugehört – sollte im Oktober nicht zögern. Der Impfschutz wirkt nur, wenn er rechtzeitig aufgebaut wird, bevor die ersten Krankheitswellen im November beginnen. Und der beste Schutz beginnt nicht mit der Spritze, sondern mit dem richtigen Gespräch.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei medizinischen Fragen wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt oder einen qualifizierten Mediziner.

Lena Meyer