Als Christine Neubauer 2025 bei „Let's Dance" auf das Parkett trat, wussten viele Zuschauer nicht: Die 63-jährige Schauspielerin tanzt nicht nur für den Sieg, sondern auch gegen eine chronische Entzündungskrankheit. Neubauer leidet an Morbus Bechterew – einer unheilbaren Erkrankung der Wirbelsäule, die laut der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie rund 400.000 Menschen in Deutschland betrifft. Ihre öffentliche Geschichte wirft eine dringende Frage auf: Wie viele Menschen leben mit dieser Erkrankung, ohne es zu wissen – und was kostet das verlorene Zeit?
Was ist Morbus Bechterew – und warum wird er so oft spät erkannt?
Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die in erster Linie die Wirbelsäule und die Iliosakralgelenke – die Verbindungen zwischen Kreuzbein und Becken – befällt. Langfristig führt die Entzündung dazu, dass Wirbelgelenke miteinander verknöchern, die Beweglichkeit abnimmt und chronische Schmerzen entstehen. Im schlimmsten Verlauf kommt es zu einer vollständigen Versteifung der Wirbelsäule.
Das Tückische: Die Erkrankung beginnt schleichend. Typische Frühsymptome sind entzündliche Rückenschmerzen, die sich morgens beim Aufstehen verschlimmern und nach Bewegung nachlassen – ein Muster, das oft zunächst als Muskelverspannung, Bandscheibenvorfall oder Ischias fehlgedeutet wird. Anders als beim mechanischen Rückenschmerz, der durch Ruhe besser wird, tritt bei Morbus Bechterew das genaue Gegenteil ein: Bewegung lindert, Schonung verschlimmert. Laut der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie dauert es im Bundesdurchschnitt 7,3 Jahre, bis die korrekte Diagnose gestellt wird. Sieben Jahre, in denen die Entzündung ungebremst Schaden anrichten kann.
Christine Neubauer erhielt ihre Diagnose 2017 – nachdem sie während der TV-Sendung „Dance Dance Dance" unter starken Rückenschmerzen litt. Wie sie berichtete, hatte ein Bluttest bereits in jüngeren Jahren eine genetische Disposition angezeigt, doch sie hoffte, die Krankheit würde sich nicht manifestieren. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Zum Zeitpunkt der Diagnose war die Erkrankung bereits relativ weit fortgeschritten.
Die genetische Komponente: Wenn Morbus Bechterew in der Familie liegt
Dass Christine Neubauer die gleiche Diagnose wie ihr Vater trägt, ist medizinisch nicht überraschend. Morbus Bechterew hat eine ausgeprägte genetische Komponente: Träger des Gewebemerkmales HLA-B27 haben eine etwa 5 bis 20-prozentige Wahrscheinlichkeit, an Spondylitis ankylosans zu erkranken. Bei Kindern eines HLA-B27-positiven Elternteils, das selbst erkrankt ist, steigt das Risiko nochmals deutlich.
Was bedeutet das in der Praxis? Wer weiß, dass ein Elternteil oder Geschwister an Morbus Bechterew erkrankt ist, sollte bei anhaltenden entzündlichen Rückenschmerzen – insbesondere bei morgendlicher Steifigkeit länger als 30 Minuten – nicht lange zögern. Ein einfacher Bluttest auf HLA-B27 gibt ersten Aufschluss; ein MRT der Lendenwirbelsäule kann frühzeitig entzündliche Veränderungen sichtbar machen, noch bevor diese auf Röntgenbildern erkennbar sind.
Wichtig zu verstehen: HLA-B27-positiv zu sein bedeutet nicht automatisch, krank zu werden. Nur etwa 5 bis 8 Prozent aller HLA-B27-Träger in der Allgemeinbevölkerung entwickeln tatsächlich eine Spondylitis ankylosans. Bei erstgradigen Verwandten eines Erkrankten, die selbst HLA-B27-positiv sind, steigt die Wahrscheinlichkeit auf bis zu 15 bis 20 Prozent – ein Risiko, das eine proaktive Überwachung rechtfertigt, aber keine Panik erfordert.
Früherkennung ist der entscheidende Hebel: Je früher die Diagnose und die Einleitung einer entzündungshemmenden Therapie, desto langsamer schreitet die knöcherne Versteifung voran. Dieser Unterschied kann über viele Jahrzehnte hinweg über Mobilität, Berufsfähigkeit und Lebensqualität entscheiden.
Expertenanalyse: Bewegung als Therapie – warum Christine Neubauer recht hat
Christine Neubauer sieht das Tanzen als aktive Strategie gegen ihre Erkrankung: „Das Beste, was ich tun kann, sind Dehnübungen, Gymnastik oder Tanzsport. Das stärkt den gesamten Körper und die Rückenmuskulatur", erklärte sie öffentlich. Rheumatologische Fachgesellschaften bestätigen diese Einschätzung vollständig.
Die medizinischen Leitlinien empfehlen Patienten mit Morbus Bechterew mindestens 30 Minuten moderates Training täglich – Schwimmen, Rückengymnastik, Yoga oder Tanzsport. Studien belegen konsistent: Patienten, die konsequente Bewegungstherapie betreiben, behalten eine signifikant bessere Wirbelsäulenbeweglichkeit als solche, die sich schonen. Schonung ist bei Morbus Bechterew kontraproduktiv – sie beschleunigt die Versteifung, anstatt sie zu verlangsamen.
Ähnliche Erfahrungen mit einer chronischen Erkrankung und der Bedeutung aktiver medizinischer Begleitung hat auch Nino de Angelo gemacht, der trotz COPD-Diagnose weiterhin aktiv auf der Bühne steht – ein Zeichen dafür, was professionelle Begleitung und Eigeninitiative gemeinsam leisten können.
Medikamentös umfasst die Standardbehandlung nicht-steroidale Antirheumatika (NSAIDs wie Diclofenac oder Naproxen). Bei schweren oder therapieresistenten Verläufen kommen biologische Therapien zum Einsatz: TNF-Blocker (z. B. Adalimumab, Etanercept) oder IL-17-Inhibitoren (z. B. Secukinumab) können die Entzündungsaktivität deutlich reduzieren und die Verknöcherung verlangsamen. Seit 2024 gibt es zusätzlich zugelassene JAK-Inhibitoren als weitere Therapieoption für Patienten, bei denen biologische Therapien nicht ausreichend wirken.
Neben Medikamenten und Sport spielt auch Ergotherapie eine unterschätzte Rolle: Anpassungen im Arbeitsumfeld – höhenverstellbare Schreibtische, ergonomische Stühle, optimierte Schlafpositionen – können die Alltagsbelastung erheblich reduzieren und das Fortschreiten verlangsamen. Viele Patienten profitieren auch von Reha-Aufenthalten in spezialisierten Kliniken, die auf entzündlich-rheumatische Erkrankungen ausgerichtet sind. Entscheidend ist: Die Behandlung ist heute weit effektiver als noch vor zwanzig Jahren – und aktive Patienten wie Christine Neubauer, die ihren Körper durch Sport fordern, haben messbar bessere Langzeitverläufe.
Konkreter Fall: Was steht auf dem Spiel, wenn die Diagnose zu spät kommt?
Betrachten wir ein typisches Szenario aus der rheumatologischen Praxis. Eine 34-jährige Frau klagt seit einem Jahr über morgendliche Rückenschmerzen im Lendenbereich. Die Schmerzen sind nach dem Aufstehen am stärksten und bessern sich deutlich nach einer Stunde Bewegung – ein klassisches entzündliches Muster. Ihr Vater hat Morbus Bechterew. Der Hausarzt verschreibt Ibuprofen; die Beschwerden lindern sich kurzfristig.
Ohne Überweisung zum Rheumatologen gerät sie in ein bekanntes Muster: Schmerzmittel kaschieren die Symptome, während die Entzündung im Hintergrund fortschreitet.
Wenn sie innerhalb der nächsten sechs Monate einen Rheumatologen aufsucht, HLA-B27-positiv getestet und im MRT frühe Entzündungszeichen an den Iliosakralgelenken festgestellt werden → dann kann eine biologische Therapie eingeleitet werden, die laut aktuellen klinischen Daten (Stand 2026) das Fortschreiten der radiologischen Schäden um bis zu 40 % verlangsamt.
Wenn die Diagnose dagegen erst in acht Jahren gestellt wird → dann sind nach Hochrechnung rheumatologischer Verlaufsdaten mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits strukturelle Schäden an den Iliosakralgelenken und unteren Wirbelgelenken eingetreten. Konkrete Alltagsfolgen: Einschränkungen beim Bücken und Drehen, Schwierigkeiten beim Autofahren, möglicherweise verminderte Lungenkapazität durch eingeschränkte Thoraxbeweglichkeit. Für eine 42-Jährige im Berufsleben können das 20 oder mehr Jahre mit dauerhafter Behinderung bedeuten.
Ein erfahrener Rheumatologe kann in zwei bis drei Terminen – Bluttest auf HLA-B27, MRT der Lendenwirbelsäule, klinische Untersuchung der Wirbelsäulenbeweglichkeit (Schober-Test) – eine fundierte Diagnose stellen. Bei familiärer Vorbelastung und entzündlichem Rückenschmerz ist dieser Schritt dringend empfohlen.
Hinweis: Dieser Artikel informiert allgemein über Morbus Bechterew und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei konkreten Beschwerden wenden Sie sich bitte an einen Arzt oder Rheumatologen.
Wann sollte ich einen Spezialisten aufsuchen?
Die Geschichte von Christine Neubauer unterstreicht eine wichtige Botschaft: Früherkennung verändert den Verlauf. Folgende Warnsignale rechtfertigen eine rheumatologische Abklärung:
- Entzündlicher Rückenschmerz seit mehr als drei Monaten, besonders bei Beginn vor dem 45. Lebensjahr
- Morgendliche Steifigkeit der Wirbelsäule länger als 30 Minuten, die sich durch Bewegung bessert, nicht durch Schonung
- Familiäre Vorbelastung: Elternteil oder Geschwister mit Morbus Bechterew, Psoriasis-Arthritis oder Spondylarthritis
- Begleiterkrankungen: Wiederkehrende Augentzündungen (Uveitis anterior), Schuppenflechte (Psoriasis), chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
- HLA-B27-Testung positiv in Kombination mit einem oder mehreren der oben genannten Symptome
Wer sich in einem oder mehreren dieser Punkte wiedererkennt, sollte nicht abwarten und beobachten. Über ExpertZoom lässt sich schnell ein Termin bei einem spezialisierten Arzt anfragen – einem Rheumatologen oder Internisten mit Schwerpunkt Immunologie, der entzündliche Gelenkerkrankungen diagnostiziert und behandelt. Gerade bei chronischen Erkrankungen wie Morbus Bechterew, bei denen Jahre den Unterschied zwischen erhaltener Mobilität und dauerhafter Einschränkung machen, lohnt sich ein professionelles Gespräch so früh wie möglich.

Lena Meyer