Premiere in München: Was Simon Messners Karakoram-Film über alpine Gesundheitsrisiken verrät

Alpinist überprüft Sauerstoffsättigung mit Pulsoximeter bei Höhenbiwak in den österreichischen Alpen
Claudia Claudia GruberGesundheit
4 Min. Lesezeit 2. Juli 2026

Am 2. Juli 2026 feiert der Dokumentarfilm „Simon Messner – Aus dem Schatten" seine Weltpremiere beim Filmfest München. Regisseurin Veronika Kaserer hat den Südtiroler Extremalpinisten Simon Messner über mehr als ein Jahr begleitet – zwischen Familienleben in Südtirol und einer Expedition zum Chumik Kangri im pakistanischen Karakorum. Der Film zeigt nicht nur einen der bedeutendsten Bergsteiger seiner Generation, sondern wirft auch eine universelle Frage auf: Wie viel körperliches Risiko ist vertretbar – für Profis wie für Hobbybergsteiger?

Zwischen Gipfeltraum und Verantwortung

Simon Messner, Sohn der Bergsteigerlegende Reinhold Messner, steht exemplarisch für eine Frage, die immer mehr Bergsportler beschäftigt: Wann wird Leidenschaft zur Gefahr? Im Film balanciert der 36-jährige Molekularbiologe und Alpinist seine Faszination für die höchsten und gefährlichsten Gipfel der Welt mit seiner Rolle als frischgebackener Vater.

Die Erstbegehung des Chumik Kangri (6.859 Meter) im Karakorum ist kein Sonntagsspaziergang. Es geht um Höhenkrankheit, Erfrierungen, Steinschlag, extreme Erschöpfung – Risiken, die für Profi-Alpinisten wie Simon Messner zum Alltag gehören, für Durchschnittssportler aber bereits bei einer Trekking-Tour in mittlere Höhenlagen auftreten können.

Höhenkrankheit: Was im Körper passiert

Ab etwa 2.500 Metern Höhe beginnt der Sauerstoffgehalt in der Luft spürbar zu sinken. Der menschliche Körper reagiert darauf mit einer Reihe von Anpassungsprozessen – und mit Symptomen, die medizinisch ernst genommen werden müssen.

Die akute Höhenkrankheit (AMS – Acute Mountain Sickness) betrifft laut Österreichischem Bergrettungsdienst bis zu 40 Prozent aller Personen, die schnell auf mehr als 3.000 Meter aufsteigen. Typische Zeichen sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Schlafstörungen und allgemeine Abgeschlagenheit. In schweren Fällen entwickeln sich daraus das Höhenlungenödem (HAPE) oder das Höhenhirnödem (HACE) – lebensbedrohliche Zustände, die unverzüglich einen Abstieg und medizinische Versorgung erfordern.

Die wichtigste Regel der Höhenmedizin lautet: Aufsteigen bei Symptomen ist verboten. Selbst erfahrene Alpinisten wie Simon Messner kennen diese Regel – und wissen, dass sie auch für sie gilt.

Stürze, Überlastungen, Gelenkverletzungen: Die häufigsten Bergsteiger-Beschwerden

Nicht nur die große Höhe ist gefährlich. Schon bei einfachen Wandertouren oder Kletterausflügen kommt es häufig zu vermeidbaren Verletzungen:

  • Knieprobleme beim langen Abstieg: Das Knie trägt bei einer steilen Abfahrt das Vierfache des Körpergewichts. Vorangegangene Überlastung oder anatomische Schwächen können schnell zu Meniskus- oder Bänderschäden führen.
  • Sprunggelenksdistorsionen: Unebenes Gelände und Konzentrationsmangel in der Erschöpfung sind die Hauptursachen. Ein verstauchtes Sprunggelenk kann, wenn nicht richtig behandelt, zu chronischer Instabilität werden.
  • Schulterverletzungen: Besonders beim Klettern und beim Sturz auf ausgestreckte Arme. Risse der Rotatorenmanschette werden oft unterschätzt und zu spät behandelt.
  • Überlastungssyndrome: Tendinopathien in Achillessehne, Kniescheibensehne oder Bizepssehne entstehen schleichend und werden häufig erst dann ernst genommen, wenn der Schmerz kaum mehr auszuhalten ist.

Wann sollte man unbedingt zum Arzt?

Viele Bergsteiger warten zu lang. Der Glaube, Schmerzen nach einer Tour seien normal, führt dazu, dass aus einer behandelbaren Verletzung ein langfristiges Problem wird. Ein Arzt sollte in folgenden Situationen unmittelbar aufgesucht werden:

  1. Anhaltende Kopfschmerzen in der Höhe, die nach Abstieg und Ruhe nicht nachlassen – mögliches Zeichen einer AMS oder schlimmer.
  2. Gelenkschwellung nach einem Sturz oder Tritt ins Leere – besonders Knie und Sprunggelenk.
  3. Taubheitsgefühl oder Kribbeln in Händen oder Füßen – Zeichen einer Nervenbeteiligung oder Durchblutungsstörung.
  4. Anhaltende Erschöpfung über 48 Stunden nach der Tour – kann auf eine unentdeckte Höhenkrankheit oder eine Infektion hinweisen.
  5. Atemprobleme in der Höhe – Kurzatmigkeit, die über normale Anstrengung hinausgeht, ist ein Warnsignal für ein Höhenlungenödem.

Ein Allgemeinmediziner oder Sportmediziner kann die Symptome einordnen und, falls nötig, an Spezialisten überweisen. Wer regelmäßig im Hochgebirge unterwegs ist, sollte sich zudem vor jeder anspruchsvollen Tour ärztlich untersuchen lassen – eine Empfehlung, die auch der Österreichische Bergrettungsdienst für ambitionierte Alpinsportler ausspricht.

Prävention: Was Experten raten

Bergmedizinisch fit in die Saison zu starten bedeutet mehr als körperliche Stärke. Sportmediziner betonen drei Kernbereiche:

Anpassungszeit einplanen: Wer aus dem Flachland kommt und sofort auf 3.000 Meter aufsteigt, überfordert den Körper. Eine schrittweise Akklimatisierung – mindestens 300 bis 400 Höhenmeter pro Tag über 2.500 Meter – reduziert das AMS-Risiko erheblich.

Grunderkrankungen abklären: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Anämie oder Lungenprobleme sind in der Höhe Risikofaktoren. Ein sportmedizinischer Check vor der Saison deckt solche Probleme auf.

Ausrüstung und Ernährung: Dehydration beschleunigt die Höhenkrankheit. Ausreichend Trinken (2–3 Liter pro Tag), kohlenhydratreiche Kost und Verzicht auf Alkohol in den ersten Höhentagen sind medizinisch empfohlen.

Was Simon Messners Geschichte uns lehrt

Der Dokumentarfilm „Aus dem Schatten" zeigt nicht nur spektakuläre Bergbilder, sondern auch die menschliche Dimension des Extremsports: die Zweifel, die Erschöpfung, das Abwägen zwischen Passion und Verantwortung. Simon Messner verkörpert dabei eine Haltung, die Sportmediziner begrüßen: Risiken kennen, nicht ignorieren.

Für die meisten Menschen liegt das Risiko nicht im Karakorum, sondern in der Unterschätzung der eigenen körperlichen Grenzen beim Wandern, Klettern oder Bergradfahren. Der Unterschied zwischen einem schönen Erlebnis und einem Notfall liegt oft in einem einzigen Arztgespräch.

Wenn Sie nach einer Tour Beschwerden haben, die nicht vergehen – oder sich vor einer anspruchsvollen Bergtour medizinisch beraten lassen möchten – hilft ExpertZoom, den passenden Arzt oder Sportmediziner zu finden. Weitere Informationen über gesundheitliche Risiken beim Extremsport liefert auch der bereits erschienene Beitrag über Reinhold Messner und die Risiken des Extremsports.

Unsere Experten

Vorteile

Schnelle und präzise Antworten auf alle Ihre Fragen und Hilfsanfragen in über 200 Kategorien.

Tausende von Nutzern haben eine Zufriedenheit von 4,9 von 5 für die Beratung und Empfehlungen unserer Assistenten erhalten.

Kontaktieren Sie uns

E-Mail
Folgen Sie uns