Kräftige Gewitter wüten derzeit über Österreich – in der Südoststeiermark rückten am Donnerstag, dem 29. Mai 2026, neun Feuerwehren mit rund 75 Einsatzkräften aus, nachdem Sturmböen Dächer abgedeckt und Bäume entwurzelt hatten. Mehrere Wirtschaftsgebäude und Wohnhäuser wurden beschädigt, offene Stellen mussten provisorisch mit Planen gesichert werden. Für das Wochenende des 31. Mai 2026 warnen Meteorologen erneut vor verbreiteter Unwettergefahr mit Starkregen, Hagel und Sturmböen in einer energiegeladenen Luftmasse über weiten Teilen des Landes. Wer zahlt, wenn ein Baum des Nachbarn auf Ihr Dach fällt – und was müssen Hausbesitzer jetzt wissen?
Sturm als höhere Gewalt: Was das österreichische Recht vorsieht
Im österreichischen Recht gilt ein Sturm grundsätzlich als Ereignis höherer Gewalt – das bedeutet, dass niemand automatisch für die Schäden haftet, die ein solcher Extremwetterfall verursacht. Die entscheidende Rechtsnorm ist § 1319b des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches (ABGB), der die Haftung für Schäden durch Bäume regelt.
Fällt also bei einem kräftigen Gewitter der Baum Ihres Nachbarn auf Ihr Fahrzeug oder Ihre Außenmauer, ist die erste Reaktion vieler Betroffenen: „Der Nachbar muss das ersetzen." Doch das ist rechtlich nur unter bestimmten Voraussetzungen korrekt. Eine automatische Haftungspflicht des Baumeigentümers besteht nicht.
Grundsätzlich gilt: Wenn ein gesunder Baum durch Sturmgewalt umfällt und dabei Schaden anrichtet, gilt das als nicht vorhersehbar. Laut der Arbeiterkammer Oberösterreich springt in diesem Fall die eigene Eigenheimversicherung des Geschädigten ein – nicht die des Nachbarn.
Wann haftet der Nachbar für seinen Baum?
Die Haftungsfrage dreht sich um einen zentralen Begriff: Sorgfaltspflicht. Der Eigentümer eines Baumes ist verpflichtet, diesen regelmäßig auf seinen Zustand zu prüfen. Erfüllt er diese Pflicht nicht, kann er bei Schäden zur Rechenschaft gezogen werden.
Konkret bedeutet das:
- Gesunder Baum, Sturmschaden: Der Nachbar haftet nicht. Ihre Eigenheimversicherung trägt den Schaden.
- Morscher oder kranker Baum: War dem Baumeigentümer der schlechte Zustand bekannt – oder hätte er es bei sorgfältiger Prüfung wissen müssen – haftet er nach § 1319b ABGB für den entstandenen Schaden.
- Bekannte Vorschäden: Hatten Sie dem Nachbarn schriftlich mitgeteilt, dass sein Baum krank oder brüchig ist, und er hat nichts unternommen, ist seine Haftung besonders gut belegbar.
Ein Rechtsanwalt kann in solchen Fällen beurteilen, ob ein Gutachten zum Zustand des Baumes sinnvoll ist und welche Beweise für eine Klage notwendig wären.
Was zahlt die Eigenheimversicherung – und was nicht?
Österreichische Versicherungen definieren einen Sturm üblicherweise ab einer Windgeschwindigkeit von 60 km/h aufwärts. Liegt die Windstärke darunter, kann die Versicherung die Leistung unter Umständen verweigern – selbst wenn erhebliche Schäden entstanden sind.
Folgende Positionen deckt eine Eigenheimversicherung bei Sturm in der Regel ab:
- Schäden am Gebäude (Dach, Fassade, Fenster)
- Kosten für provisorische Sicherungsmaßnahmen (z.B. Abdichtung mit Planen)
- Aufräumkosten, wenn ein Baum auf das Grundstück gefallen ist
Was oft nicht abgedeckt ist: Schäden an Pkws, die auf dem Straßenrand parken. Hier greift die Kaskoversicherung – vorausgesetzt, das Fahrzeug verfügt über eine Vollkaskoversicherung.
Nach dem Gewitterschaden am eigenen Anwesen empfiehlt sich außerdem ein Blick auf bestehende Leitungswasserschäden: Starkregen kann Keller fluten und Wasserleitungen beschädigen, was häufig in einem separaten Versicherungspaket geregelt ist.
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Schaden dokumentieren und melden – so gehen Sie vor
Wer nach einem Gewitter Schäden am Haus oder auf dem Grundstück festgestellt hat, sollte unverzüglich handeln:
- Fotos und Videos machen – Schäden ausführlich dokumentieren, bevor mit Aufräumarbeiten begonnen wird.
- Versicherung kontaktieren – Schäden zeitnah melden; viele Policen sehen kurze Meldefristen vor.
- Provisorische Sicherung – Offene Stellen am Dach mit Planen abdecken, um Folgeschäden durch Regen zu vermeiden. Handwerksbetriebe können kurzfristig beauftragt werden.
- Zeugen benennen – Wenn Nachbarn oder Feuerwehreinsatzkräfte den Schaden bezeugen können, hilft das im Streitfall.
- Rechtsberatung suchen – Vermuten Sie, dass der Baum des Nachbarn morsch war oder dieser seiner Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen ist, lohnt sich eine rechtliche Ersteinschätzung.
Ein erfahrener Rechtsanwalt hilft Ihnen dabei, Ihre Ansprüche durchzusetzen und die Beweislast richtig einzuschätzen – gerade dann, wenn Versicherungen Leistungen ablehnen oder Nachbarschaftsstreitigkeiten drohen.
Wann lohnt sich rechtliche Beratung?
Nicht jeder Gewitterschaden führt automatisch zu einem Rechtsstreit. Doch in folgenden Konstellationen ist professionelle Rechtsberatung klar empfehlenswert:
- Die Versicherung verweigert die Zahlung oder streitet die Sturmstärke ab.
- Der Nachbar behauptet, sein Baum sei gesund gewesen, obwohl Ihnen das Gegenteil bekannt ist.
- Der Schaden übersteigt die Selbstbeteiligung deutlich, und mehrere Parteien sind beteiligt.
- Das beschädigte Gebäude ist ein Mietobjekt, und Fragen zur Vermieterhaftung entstehen.
Bei unklarer Haftungslage – und dazu zählen die meisten Gewitterschadensfälle – empfiehlt es sich, keine voreiligen Zahlungen oder Vereinbarungen zu treffen, ohne rechtliche Unterstützung einzuholen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Bitte wenden Sie sich bei konkreten Rechtsfragen an einen zugelassenen Rechtsanwalt.
Kräftige Gewitter mit Hagelschlag, Starkregen und Sturmböen werden laut Wetterprognosen für das Wochenende des 31. Mai 2026 weiter über weiten Teilen Österreichs erwartet. Wer jetzt über die rechtliche Haftungssituation Bescheid weiß, handelt nicht nur schneller, sondern auch gezielter.
Österreich hat in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme von Unwetterereignissen erlebt. Der Klimawandel verstärkt die Intensität von Gewittern – heftigere Hagelkörner, höhere Windspitzen, kürzere aber intensivere Regenereignisse. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit, als Hausbesitzer mit Gewitterschäden konfrontiert zu sein, ist gestiegen. Umso wichtiger ist es, rechtlich und versicherungstechnisch gut vorbereitet zu sein. Ein Rechtsanwalt oder eine Vertrauensperson bei ExpertZoom kann Sie dabei unterstützen, Ihre Ansprüche korrekt einzuordnen – noch bevor Sie mit der Versicherung oder dem Nachbarn in Kontakt treten.

Anna Weber