In Österreich sind über 7.200 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte zugelassen [ÖRAK, 2025]. Den richtigen zu finden, ist trotzdem nicht einfach. Welches Rechtsgebiet passt? Was kostet eine Erstberatung? Und wann brauche ich überhaupt einen Anwalt? Dieser Leitfaden erklärt Schritt für Schritt, wie Sie in Österreich den passenden Rechtsanwalt auswählen, mit welchen Kosten Sie rechnen müssen und was Sie beim ersten Termin erwartet.
Was macht ein Rechtsanwalt in Österreich?
Ein Rechtsanwalt ist ein unabhängiger, zur Berufsausübung befugter Jurist, der Mandanten in Rechtsangelegenheiten berät und vor Gerichten vertritt. In Österreich regelt die Rechtsanwaltsordnung (RAO) die Zulassung und Berufsausübung. Um als Rechtsanwalt tätig zu werden, braucht es ein abgeschlossenes Rechtsstudium, eine mindestens fünfjährige juristische Berufspraxis — davon mindestens neun Monate bei einem Rechtsanwalt — sowie die bestandene Rechtsanwaltsprüfung.
Rechtsanwälte unterliegen einer strengen Verschwiegenheitspflicht. Alles, was Sie Ihrem Anwalt anvertrauen, bleibt vertraulich. Dieses Berufsgeheimnis ist gesetzlich verankert und gilt auch vor Gericht. Die Eintragung in die Liste einer der neun Rechtsanwaltskammern ist Pflicht. Erst danach darf die Berufsbezeichnung „Rechtsanwalt" geführt werden.
Neben der Prozessvertretung übernehmen Rechtsanwälte auch die außergerichtliche Streitbeilegung, Vertragserstellung und Rechtsberatung im Vorfeld. Gerade bei Vertragsverhandlungen, Firmengründungen oder erbrechtlichen Regelungen schützt die frühzeitige Einbindung eines Anwalts vor kostspieligen Fehlern.
Das Wichtigste: Nur wer in einer österreichischen Rechtsanwaltskammer eingetragen ist, darf sich Rechtsanwalt nennen. Die Anwaltsliste ist öffentlich über den Österreichischen Rechtsanwaltskammertag (ÖRAK) einsehbar unter oerak.at.
Welche Rechtsgebiete decken Rechtsanwälte ab?

Rechtsanwälte in Österreich sind grundsätzlich berechtigt, in allen Rechtsgebieten tätig zu werden. In der Praxis spezialisieren sich die meisten jedoch auf bestimmte Bereiche. Die folgende Übersicht zeigt die häufigsten Fachgebiete und typische Anwendungsfälle.
| Rechtsgebiet | Typische Fälle | Wann zum Anwalt? |
|---|---|---|
| Familienrecht | Scheidung, Obsorge, Unterhalt | Trennung mit Kindern oder Vermögen |
| Arbeitsrecht | Kündigung, Abfertigung, Mobbing | Unrechtmäßige Kündigung, ausbleibende Zahlungen |
| Strafrecht | Verteidigung bei Anklage, Einspruch | Bei jeder strafrechtlichen Anklage |
| Mietrecht | Mieterhöhung, Räumungsklage | Streit mit Vermieter oder Mieter |
| Verkehrsrecht | Unfall, Führerscheinentzug, Bußgeld | Unfälle mit Personenschaden, Führerscheinentzug |
| Gesellschaftsrecht | Firmengründung, Gesellschafterstreit | GmbH-Gründung, Konflikte zwischen Gesellschaftern |
| Erbrecht | Testament, Pflichtteil, Verlassenschaftsverfahren | Erbstreitigkeiten, Testamentserstellung |
| Verbraucherrecht | Gewährleistung, Internetbetrug | Defekte Produkte, Online-Abzocke |
Die Österreichische Rechtsanwaltskammer (ÖRAK) bietet eine kostenlose Anwaltssuche mit Filterung nach Fachgebiet und Bundesland. Seit 2025 sind 7.265 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte eingetragen — ein Anstieg von 3,3 % gegenüber dem Vorjahr [ÖRAK, 2025]. Der Trend zur Spezialisierung nimmt zu: Immer mehr Kanzleien konzentrieren sich auf ein bis drei Kerngebiete.
Was kostet ein Rechtsanwalt in Österreich?
Die Anwaltskosten in Österreich setzen sich aus drei Komponenten zusammen: dem Honorar für die Beratung, den Gerichtsgebühren und den Barauslagen (Kopien, Fahrtkosten, Sachverständige). Das Honorar kann frei vereinbart werden — das Rechtsanwaltstarifgesetz (RATG) greift nur, wenn keine Vereinbarung getroffen wurde.
Drei Honorarmodelle im Überblick
- Zeithonorar: Abrechnung nach Stunden. Üblich bei komplexen Verfahren. Stundensätze liegen zwischen 150 € und 500 € netto, je nach Erfahrung und Kanzleigröße.
- Pauschalhonorar: Fester Betrag für eine definierte Leistung. Häufig bei Vertragserstellungen oder einvernehmlichen Scheidungen. Gibt Kostensicherheit.
- Tarifhonorar nach RATG: Berechnung nach dem Streitwert. Der Einheitssatz beträgt 60 % bei einem Streitwert bis 10.170 € und 50 % darüber [RATG, Stand Juli 2025].
Wichtig: Vereinbaren Sie das Honorarmodell schriftlich vor Mandatsbeginn. Fragen Sie gezielt nach einer Kostenschätzung für Ihr konkretes Anliegen.
Wie finde ich den richtigen Rechtsanwalt?
Die Wahl des passenden Rechtsanwalts beeinflusst den Ausgang eines Verfahrens erheblich. Mit diesen fünf Schritten finden Sie den Anwalt, der zu Ihrem Fall passt.
Schritt 1: Rechtsgebiet eingrenzen
Definieren Sie zuerst, welches Rechtsgebiet Ihr Problem betrifft. Ein Arbeitsrechtsexperte hilft bei einer Kündigung besser als ein Generalist. Nutzen Sie die Anwaltssuche der ÖRAK, um gezielt nach Fachgebiet und Region zu filtern.
Schritt 2: Mehrere Erstgespräche führen
Vereinbaren Sie Erstgespräche bei zwei bis drei Kanzleien. Viele Rechtsanwälte bieten eine Erstberatung zu einem Fixpreis an — üblicherweise zwischen 180 € und 300 € für eine Stunde. Nutzen Sie diesen Termin, um die Kompetenz und die Chemie zu prüfen.
Schritt 3: Erfahrung und Spezialisierung prüfen
Fragen Sie nach der Erfahrung in Ihrem konkreten Rechtsgebiet. Wie viele vergleichbare Fälle hat der Anwalt bearbeitet? Gibt es Referenzen? Ein spezialisierter Anwalt kennt die aktuelle Judikatur und kann Risiken realistisch einschätzen.
Schritt 4: Kosten transparent klären
Lassen Sie sich vor Mandatserteilung eine schriftliche Kostenschätzung geben. Klären Sie, ob ein Stunden- oder Pauschalhonorar sinnvoller ist. Fragen Sie auch nach möglichen Zusatzkosten wie Gerichtsgebühren und Sachverständigenhonoraren.
Schritt 5: Erreichbarkeit und Kommunikation
Ein guter Rechtsanwalt ist erreichbar und kommuniziert klar. Achten Sie darauf, ob der Anwalt Ihre Fragen verständlich beantwortet und Sie regelmäßig über den Verfahrensstand informiert. Online-Beratungsplattformen wie Expert Zoom bieten die Möglichkeit, schnell und unkompliziert qualifizierte Rechtsanwälte zu kontaktieren.
Online-Beratung oder Vor-Ort-Termin?
Seit der Pandemie haben sich digitale Erstberatungen etabliert. Per Videocall oder Chat können Sie einen Rechtsanwalt konsultieren, ohne das Haus zu verlassen. Das spart Zeit und ermöglicht den Zugang zu spezialisierten Anwälten außerhalb Ihres Bundeslandes. Bei komplexen Fällen mit umfangreichen Dokumenten empfiehlt sich dennoch ein persönlicher Termin. Für eine erste Einschätzung oder einfache Rechtsfragen reicht eine Online-Beratung vollkommen aus.
Was erwartet mich beim Erstgespräch mit einem Rechtsanwalt?
Das Erstgespräch ist der wichtigste Moment in der Mandatsbeziehung. In der Regel dauert es 30 bis 60 Minuten. Der Rechtsanwalt verschafft sich einen Überblick über Ihren Fall und gibt eine erste Einschätzung zu Erfolgsaussichten und Kosten.
„Ein gutes Erstgespräch erkennen Sie daran, dass der Anwalt nicht nur Ihre rechtliche Situation analysiert, sondern auch die wirtschaftlichen Konsequenzen bespricht. Die Frage ‚Lohnt sich ein Prozess?' ist mindestens so wichtig wie ‚Habe ich Recht?'" — Dr. Maria Windhager, Rechtsanwältin in Wien
So bereiten Sie sich optimal vor
Bringen Sie alle relevanten Unterlagen mit: Verträge, Schriftverkehr, Bescheide, Fotos. Je vollständiger Ihre Dokumentation, desto präziser die Ersteinschätzung. Notieren Sie sich vorab Ihre wichtigsten Fragen — typischerweise zu Erfolgschancen, Verfahrensdauer und Kostenrahmen.
Fragen Sie explizit nach dem weiteren Vorgehen: Welche Fristen laufen? Ist eine außergerichtliche Einigung möglich? Welche Beweise werden noch benötigt? Ein seriöser Rechtsanwalt wird Ihnen ehrlich sagen, wenn Ihr Fall geringe Erfolgsaussichten hat.
Nehmen wir ein Beispiel: Thomas aus Graz erhält eine fristlose Kündigung. Er bringt seinen Arbeitsvertrag, die Kündigungsschreiben und die letzten drei Gehaltsabrechnungen mit zum Erstgespräch. Die Anwältin erkennt sofort, dass die Kündigungsfrist nicht eingehalten wurde, und schätzt die Erfolgschancen auf 80 %. Innerhalb von 30 Minuten hat Thomas einen klaren Aktionsplan — und die Gewissheit, dass sich der Gang zum Rechtsanwalt lohnt.
Rechtsanwalt, Notar oder Rechtsberater — wer hilft wobei?

In Österreich gibt es verschiedene juristische Berufe mit unterschiedlichen Befugnissen. Die Abgrenzung ist für Laien oft unklar.
Ein Rechtsanwalt vertritt Sie vor Gericht und berät in allen Rechtsangelegenheiten. Er ist parteiisch — er vertritt ausschließlich Ihre Interessen. Bei Bezirksgerichten besteht keine Anwaltspflicht, bei Landesgerichten und höheren Instanzen ist die Vertretung durch einen Rechtsanwalt hingegen verpflichtend.
Ein Notar ist ein unparteiischer Urkundsbeamter. Er beurkundet Verträge (Kaufverträge, Eheverträge, Gesellschaftsverträge), beglaubigt Unterschriften und wickelt Verlassenschaftsverfahren ab. In Österreich werden Notare vom Bundesministerium für Justiz bestellt. Ihre Gebühren richten sich nach dem Notariatstarifgesetz (NTarG).
Ein Rechtsberater oder Rechtsschutzversicherer bietet erste Orientierung, darf aber keine Vertretung vor Gericht übernehmen. Die Arbeiterkammer (AK) und der Konsumentenschutzverein (VKI) bieten kostenlose Rechtsberatung für Arbeitnehmer und Verbraucher.
| Kriterium | Rechtsanwalt | Notar | AK / VKI |
|---|---|---|---|
| Vertretung vor Gericht | Ja | Nein | Nein |
| Unparteiisch | Nein (parteiisch) | Ja | Ja |
| Kosten | Frei vereinbar | NTarG-Tarif | Kostenlos (für Mitglieder) |
| Typischer Einsatz | Prozesse, Streitigkeiten | Verträge, Beglaubigungen | Erstberatung, Verbraucherrecht |
Faustregel: Gerichtsverfahren → Rechtsanwalt. Vertragserstellung und Beglaubigung → Notar. Erste Orientierung → AK, VKI oder Online-Beratung.
Rechtsschutzversicherung: Wann übernimmt sie die Anwaltskosten?
Eine Rechtsschutzversicherung deckt in Österreich die Kosten für Rechtsanwalt, Gericht und Sachverständige — allerdings nur für versicherte Rechtsgebiete und nach Ablauf der Wartefrist.
Die meisten Polizzen decken Verkehrsrecht, Arbeitsrecht, Mietrecht und allgemeines Vertragsrecht ab. Strafrecht ist oft nur eingeschränkt versichert (Fahrlässigkeitsdelikte). Familienrecht (Scheidung, Obsorge) ist in Standardtarifen selten enthalten.
Darauf müssen Sie achten
- Wartefrist: Drei bis sechs Monate nach Vertragsabschluss. Fälle, die vor oder während der Wartefrist entstehen, sind nicht gedeckt.
- Deckungssumme: Üblich sind 100.000 € bis 300.000 € pro Versicherungsfall. Bei komplexen Verfahren kann das knapp werden.
- Selbstbehalt: Viele Tarife sehen einen Selbstbehalt von 100 € bis 500 € vor.
- Deckungszusage: Melden Sie den Fall Ihrer Versicherung vor der Mandatserteilung. Ohne Deckungszusage tragen Sie die Kosten selbst.
Laut Versicherungsverband Österreich (VVO) besitzen rund 40 % der österreichischen Haushalte eine Rechtsschutzversicherung. Prüfen Sie Ihre Police, bevor Sie einen Rechtsanwalt beauftragen — die Kostenübernahme kann mehrere Tausend Euro ausmachen.
Wer keine Rechtsschutzversicherung hat, kann die Anwaltskosten unter bestimmten Voraussetzungen steuerlich absetzen. Rechtsberatungskosten gelten als Werbungskosten (bei berufsbezogenen Streitigkeiten) oder als außergewöhnliche Belastung (bei Prozessen, die den privaten Bereich betreffen). Bewahren Sie alle Rechnungen und Honorarnoten sorgfältig auf.
Häufige Fragen zum Rechtsanwalt in Österreich
Brauche ich für jedes Gerichtsverfahren einen Rechtsanwalt?
Nein. Bei Bezirksgerichten (Streitwert bis 15.000 €) besteht keine Anwaltspflicht. Sie können sich selbst vertreten. Bei Landesgerichten, Oberlandesgerichten und dem Obersten Gerichtshof ist die Vertretung durch einen Rechtsanwalt hingegen gesetzlich vorgeschrieben (absolute Anwaltspflicht gemäß § 27 ZPO).
Kann ich den Rechtsanwalt wechseln, wenn ich unzufrieden bin?
Ja, ein Anwaltswechsel ist jederzeit möglich. Sie kündigen das Mandat schriftlich. Der bisherige Anwalt muss Ihre Akten an den neuen Anwalt übergeben. Beachten Sie, dass bereits erbrachte Leistungen abgerechnet werden. Bei laufenden Verfahren sollten Sie den Wechsel mit dem Gericht abstimmen, um Fristversäumnisse zu vermeiden.
Wie finde ich heraus, ob mein Rechtsanwalt seriös ist?
Prüfen Sie die Eintragung in der Anwaltsliste der ÖRAK unter oerak.at. Jeder zugelassene Rechtsanwalt ist dort verzeichnet. Zusätzlich können Sie bei der zuständigen Rechtsanwaltskammer nachfragen, ob Disziplinarmaßnahmen vorliegen. Online-Bewertungen geben ergänzende Hinweise, sollten aber nicht das einzige Kriterium sein.
Was tun, wenn ich mir keinen Rechtsanwalt leisten kann?
In Österreich gibt es die Verfahrenshilfe (§ 63 ZPO). Das Gericht bewilligt auf Antrag die Beiordnung eines Rechtsanwalts, wenn Sie die Kosten nicht tragen können und das Verfahren nicht offensichtlich aussichtslos ist. Die Verfahrenshilfe umfasst die Befreiung von Gerichtsgebühren und die Beistellung eines Rechtsanwalts auf Staatskosten. Den Antrag stellen Sie direkt beim zuständigen Gericht. Formulare sind online über die Website des Bundesministeriums für Justiz (bmj.gv.at) abrufbar. Auch die Rechtsanwaltskammern bieten erste kostenlose Auskünfte über die sogenannte „Erste Anwaltliche Auskunft" an.
Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Orientierung und stellen keine Rechtsberatung dar. Für eine verbindliche Einschätzung Ihres konkreten Falls wenden Sie sich bitte an einen zugelassenen Rechtsanwalt.
