Schweizer Uhrenindustrie in der Krise: Was Anleger jetzt über Luxusuhren als Investment wissen müssen
Die Schweizer Uhrenindustrie steckt in einer handfesten Krise: Exportrückgänge, ein starker Franken und eine schwächelnde Nachfrage aus China haben die Branche 2025 unter Druck gesetzt. Während sich 2026 eine leichte Erholung abzeichnet, stellt sich für viele deutsche Privatanleger die Frage: Lohnt sich die Luxusuhr als Geldanlage überhaupt noch?
Was gerade in der Uhrenindustrie passiert
Die Schweizer Uhrenhersteller haben 2025 deutliche Umsatzrückgänge verbucht — insbesondere im mittleren Preissegment. Marken wie Rolex, Patek Philippe und Audemars Piguet haben die Krise deutlich besser überlebt als Hersteller von Uhren im Preisbereich zwischen 500 und 3.000 Franken. Der Grund: Luxusgüter im absoluten Top-Segment gelten als defensivere Sachwerte, weil ihre Käufer weniger preissensibel sind.
Für 2026 signalisieren Branchenbeobachter eine vorsichtige Erholung. Jean-Philippe Bertschy, Analyst bei Vontobel, erwartet eine Belebung durch den chinesischen Markt: "Wir spüren eine leichte Erholung auf dem chinesischen Markt, die das Wachstum im Jahr 2026 antreiben wird." Allerdings bleibt die Lage fragil — der starke Schweizer Franken macht Exporte teuer, und geopolitische Unsicherheiten dämpfen die globale Konsumlaune.
Gleichzeitig boomt der Sekundärmarkt für Uhren weiter. Plattformen wie Chrono24 und Watchfinder verzeichnen stabile Umsätze bei bestimmten Referenzen — also ganz bestimmten Modellen, die als besonders begehrt gelten.
Luxusuhr als Geldanlage: Was funktioniert — und was nicht
Die Idee, eine Uhr zu kaufen, um Geld zu verdienen, klingt verlockend. Doch Vermögensberater warnen vor einem entscheidenden Irrtum: Nicht jede Uhr ist ein Investment. Die große Mehrheit der Uhren verliert nach dem Kauf an Wert — ähnlich wie ein neues Auto.
Tatsächlich wertstabil oder wertsteigernd sind nur sehr wenige Modelle:
Rolex Submariner, Daytona, GMT-Master II: Diese Referenzen handeln auf dem Sekundärmarkt oft über ihrem Listenpreis — weil Rolex die Produktion bewusst limitiert. Wer eine Submariner beim Rolex-Händler für 9.800 Euro kaufen kann, findet sie auf Chrono24 häufig für 12.000 bis 14.000 Euro. Diese Konstellation existiert, ist aber für Privatanleger kaum zugänglich: Rolex bevorzugt langjährige Stammkunden.
Patek Philippe Nautilus und Aquanaut: Ähnliche Dynamik, noch extremere Aufschläge. Einstiegspreise ab 30.000 Euro beim Händler, Wiederverkauf deutlich darüber — wenn man überhaupt eine bekommt.
Vintage-Uhren aus den 1960er bis 1980er Jahren: Hier sind Wertsteigerungen von mehreren hundert Prozent über Jahrzehnte möglich. Aber: Der Markt erfordert tiefes Fachwissen. Fälschungen, Restaurierungen und fehlende Dokumentation können den Wert drastisch mindern.
Alle anderen Uhren — selbst von renommierten Marken wie IWC, Breitling oder Omega — entwickeln sich am Sekundärmarkt unterschiedlich und bieten keine verlässliche Rendite.
Die versteckten Kosten des Uhr-Investments
Was Anleger oft unterschätzen: Uhren sind kein passives Investment. Sie müssen gewartet werden. Ein Manufakturwerk benötigt alle fünf bis acht Jahre eine Revision — Kosten von 500 bis über 3.000 Euro, je nach Komplexität des Uhrwerks. Hinzu kommen:
- Versicherung: Eine Uhr im Wert von 20.000 Euro muss separat versichert werden — Hausratversicherungen decken Schmuck und Uhren oft nur bis 1.000 bis 3.000 Euro ab.
- Lagerung: Safes oder Bankschließfächer verursachen laufende Kosten.
- Liquiditätsrisiko: Im Gegensatz zu Aktien oder ETFs lässt sich eine Uhr nicht binnen Stunden zu einem fairen Preis verkaufen. Der Verkauf über Händler bedeutet meist einen erheblichen Abschlag.
Was ein Vermögensberater rät
Seriöse Vermögensberater empfehlen, Luxusuhren — wenn überhaupt — nur als kleinen Teil einer diversifizierten Sachwert-Strategie zu betrachten. Der Anteil sollte fünf bis zehn Prozent des Portfolios nicht überschreiten, und nur bei klarem Fachwissen oder Zugang zu gesuchten Referenzen.
Für die meisten Privatanleger gilt: Wer sein Geld in Sachwerten anlegen will, findet in Gold, Immobilien oder physischen Edelmetallen transparentere und liquidere Alternativen. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA weist in ihren Verbraucherinformationen zu Anlagen in Sachwerte auf die spezifischen Risiken alternativer Investments hin — darunter mangelnde Regulierung, fehlende Preistransparenz und Liquiditätsrisiken.
Wann ist eine Uhren-Beratung sinnvoll?
Wenn Sie folgende Fragen mit "Ja" beantworten, lohnt sich ein Gespräch mit einem Vermögensberater:
- Sie erwägen, mehr als 5.000 Euro in eine einzelne Uhr zu investieren
- Sie haben bereits mehrere Uhren und fragen sich, ob und wie Sie diese in Ihr Portfolio integrieren können
- Sie haben eine Erbschaft mit Uhrensammlung erhalten und wissen nicht, was diese wert ist
- Sie möchten wissen, ob ein bestimmtes Modell langfristig an Wert gewinnen kann
Ein unabhängiger Vermögensberater auf ExpertZoom kann Ihnen helfen, einzuschätzen, ob eine Uhr in Ihre persönliche Anlagestrategie passt — ohne Provision oder Interessenkonflikt.
Der Blick auf den deutschen Markt
In Deutschland wächst das Interesse an alternativen Investments — gerade in Zeiten, in denen Aktien volatil und Zinsen nach langen Jahren der Nullzinspolitik wieder relevanter werden. Uhren profitieren dabei von einem Image als "greifbarer Luxus": Sie können getragen, bewundert und vererbt werden. Das macht sie emotional attraktiver als ein ETF-Anteil.
Doch genau diese emotionale Komponente ist es, die Anleger in die Irre führt. Wer eine Uhr kauft, weil er sie schön findet, und dabei hofft, dass sie sich als Investment bewährt, vermischt zwei völlig unterschiedliche Ziele. Ein guter Vermögensberater hilft dabei, diese Ziele klar zu trennen — und zu entscheiden, welcher Teil des Vermögens wirklich für alternative Sachwerte infrage kommt.
Die Uhrenindustrie befindet sich in einem Wandel. Ob dieser Wandel für Anleger eine Chance oder ein Risiko darstellt, hängt stark vom Einzelfall ab. Wer eine Luxusuhr aus Leidenschaft kauft, macht selten einen Fehler. Wer sie als Geldanlage betrachtet, sollte genau wissen, worauf er sich einlässt.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Investitionsentscheidungen sollten stets in Absprache mit einem qualifizierten Vermögensberater getroffen werden.
