Ryan Naderi wählt Tschechien statt Deutschland: Was das FIFA-Recht für Doppelstaater bedeutet

Junger Fußballprofi unterzeichnet FIFA-Dokumente in einem Konferenzsaal, deutsche und tschechische Flaggen im Hintergrund
Lena Lena MüllerRechtsanwälte
6 Min. Lesezeit 16. September 2026

Ryan Naderi, der 23-jährige Stürmer von Glasgow Rangers, hat am 16. September 2026 bekanntgegeben, künftig für die tschechische Nationalmannschaft aufzulaufen — obwohl er in Dresden geboren wurde und gleich drei Nationalteams für sich hätte auswählen können. Wer der gebürtige Sachse ist, wie die FIFA-Regeln in solchen Fällen greifen und was das für alle Deutschen mit doppelter oder dreifacher Staatsangehörigkeit bedeutet, erklärt dieser Beitrag.

Vom Dresdner Nachwuchstalent zum Rangers-Profi

Ryan Naderi — vollständiger Name Ryan Don Naderi — wurde am 10. Juli 2003 in Dresden geboren und wuchs in Sachsen auf. Sein Weg in den Profifußball führte ihn über Hansa Rostock, wo er sich als treffsicherer Angreifer in der 2. Bundesliga profilierte. Im Februar 2026 wechselte er für 5,5 Millionen Euro zu Glasgow Rangers in die Scottish Premiership — einer der teuersten Abgänge in der Vereinsgeschichte des Rostocker Clubs.

In Schottland machte Naderi schnell auf sich aufmerksam. Am 13. September 2026 stand er in der Startelf, als Rangers Celtic im Premier Sports Cup deutlich besiegte. Die schottischen Medien lobten seinen Arbeitseinsatz und Offensivdrang — und kurz darauf machte eine andere Schlagzeile die Runde: Naderi finalise seine internationale Laufbahn, und zwar nicht unter deutschem Adler.

Dreifach spielberechtigt: Deutschland, Tschechien, Bulgarien

Der Dresdner ist aufgrund seiner Familiengeschichte in der seltenen Position, zwischen drei Nationalteams wählen zu können — nach FIFA-Statuten eine zulässige Konstellation. Seine Mutter ist Tschechin, sein Vater Bulgare, er selbst wurde in Deutschland geboren. Nach Artikel 5 der FIFA-Statuten ist eine Person spielberechtigt für ein Land, wenn sie dort geboren wurde, wenn ein Elternteil oder Großelternteil dort geboren wurde — oder wenn sie die jeweilige Staatsbürgerschaft nachweislich besitzt und einen echten persönlichen Bezug zum Land hat.

Bei Naderi trifft auf Tschechien beides zu: Seine Mutter stammt aus dem Land, er spricht Tschechisch fließend, und seine Großmutter mütterlicherseits lebt nach wie vor dort. Er führte direkte Gespräche mit dem tschechischen Teammanager Pavel Nedved und besitzt bereits die tschechische Staatsbürgerschaft. Um spielberechtigt zu werden, muss er lediglich noch seinen tschechischen Pass in Prag abholen.

Laut Berichten des Fachportals Read Rangers soll Naderi bereits für die kommenden UEFA Nations League-Spiele Tschechiens gegen Kroatien, England und Spanien eingeplant sein.

Was das Sportrecht tatsächlich erlaubt — und was nicht

Die FIFA-Regelung zur Spielberechtigung bei Mehrstaatigkeit ist strenger, als viele annehmen. Wer einmal für die A-Nationalmannschaft eines Landes gespielt hat — auch nur in einem Freundschaftsspiel — kann grundsätzlich nicht mehr für ein anderes Land wechseln. Es gibt eine Ausnahme: Spieler, die bis zu ihrem 21. Geburtstag ausschließlich für Jugend- oder Olympiateams aufgelaufen sind, dürfen unter bestimmten Umständen später die Nationalität wechseln.

Da Naderi bislang für kein A-Nationalteam gespielt hat, steht ihm der Weg zu Tschechien vollständig offen. Deutschland hätte ihn ebenfalls nominieren können, hat es aber offenbar nicht getan. Dass ein hochkarätiges Talent aus Dresden künftig für einen anderen Verband spielt, dürfte die Diskussion über Nachwuchsförderung und Nationalteam-Scouting neu befeuern.

Rechtlich ist die Entscheidung eindeutig Naderis Privatsache — solange er die formalen FIFA-Voraussetzungen erfüllt, zu denen neben der Staatsbürgerschaft auch ein nachweisbarer persönlicher Bezug zum jeweiligen Land gehört. Genau hier liegt jedoch eine häufig unterschätzte Grauzone: Was gilt als „echter Bezug"? Wann kann ein Verband die Spielberechtigung anfechten? Diese Fragen beschäftigen in der Praxis nicht nur Profis, sondern auch Amateur- und Nachwuchsspieler.

Der FIFA-Antrag auf einen Verbandswechsel — das sogenannte „Change of Association"-Verfahren — muss schriftlich eingereicht werden, bevor der betreffende Spieler offiziell für den neuen Verband nominiert wird. Die FIFA prüft dabei Dokumente wie Geburtsurkunden, Staatsbürgerschaftsnachweise und Nachweise des persönlichen Bezugs zum neuen Land. Das Verfahren dauert im Regelfall 60 bis 90 Tage — und kann sich bei unvollständigen Unterlagen deutlich verlängern.

Ein konkretes Szenario: Der Nachwuchsspieler mit doppelter Staatsangehörigkeit

Stellen Sie sich vor: Ein 19-jähriger Fußballer wurde in München geboren, hat aber einen polnischen Vater und ist damit polnischer Staatsbürger. Er hat bislang ausschließlich für den DFB-Juniorenbereich gespielt — U17 und U19. Nun kontaktiert ihn die polnische U21-Nationalmannschaft und fragt, ob er wechseln möchte.

Welche FIFA-Frist gilt hier? Nach aktuellem Reglement muss er bis spätestens 21 Jahre und 0 Monate alt sein, um ohne weitere Auflagen wechseln zu können. Verpasst er diesen Stichtag — etwa weil er erst mit 22 davon erfährt — greifen Ausnahmeregelungen, die an bestimmte Bedingungen geknüpft sind: unter anderem, dass er in den letzten fünf Jahren seinen Wohnsitz im fraglichen Land hatte.

Konkret bedeutet das: Wenn der Spieler am 1. März 2026 seinen 21. Geburtstag feiert und die polnische U21 ihn erst im September 2026 kontaktiert, ist das Fenster regulär geschlossen. Eine spätere Spielberechtigung wäre nur über das sogenannte „Change of Association"-Verfahren möglich — ein formaler Antrag beim FIFA-Spielerstatus-Komitee, der mit Dokumenten, Nachweisen und im Streitfall mit rechtlichem Beistand geführt werden muss. Verfahrensdauer: mindestens 3 bis 6 Monate. Kosten eines anwaltlich begleiteten Antrags: je nach Komplexität zwischen 1.500 und 6.000 Euro.

Im Fall des Münchner Spielers: Wäre er vor seinem 21. Geburtstag aktiv geworden, hätte er ohne Aufwand gewechselt. Wegen der verpassten Frist benötigt er jetzt wahrscheinlich eine rechtliche Begleitung — und gegebenenfalls Unterstützung beim Nachweis seiner polnischen Aufenthaltsgeschichte.

Mehrstaatigkeit außerhalb des Sports: Wenn Behörden und Institutionen verschiedene Länder involvieren

Die Naderi-Entscheidung beleuchtet ein Phänomen, das weit über den Profifußball hinaus relevant ist: Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2024 in Deutschland rund 12,3 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit — viele davon mit mehrfachen Staatsangehörigkeiten. In Deutschland lebende Menschen mit mehrfacher Staatsangehörigkeit stehen regelmäßig vor komplexen rechtlichen Fragen — sei es bei der Erbschaftssteuer (wenn Vermögen in zwei Ländern anfällt), bei der Rentenanrechnung von Arbeitsjahren im Ausland, bei Sorgerechtsstreitigkeiten mit Bezug zu mehreren Rechtssystemen oder beim Erwerb von Immobilien im Heimatland der Eltern.

Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) und das Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG) regeln zwar die deutsche Seite — wie und unter welchen Voraussetzungen die deutsche Staatsbürgerschaft erworben, behalten oder aufgegeben wird. Doch für grenzüberschreitende Konstellationen wie im Fall Naderi ist das nationale Recht nur ein Teil des Puzzles. Internationale Abkommen, EU-Recht und bilaterale Verträge spielen jeweils eine Rolle, die Laien kaum eigenständig überblicken können.

Besonders komplex wird es, wenn die Staatsbürgerschaft eines Landes automatisch erlischt, wenn eine andere angenommen wird — eine Konstellation, die in Deutschland mit dem StAG-Reform 2024 entschärft wurde, aber in anderen Ländern nach wie vor zutrifft. Ein Bulgarier, der die tschechische Staatsangehörigkeit annimmt, könnte etwa — je nach nationalem Recht des jeweiligen Landes — seinen bulgarischen Pass verlieren.

Was tun, wenn Mehrstaatigkeit zur Rechtsfrage wird?

Ryan Naderis Entscheidung läuft formal reibungslos ab, weil er gut beraten ist, die tschechische Staatsbürgerschaft bereits besitzt und die FIFA-Fristen eingehalten hat. Doch nicht jeder Betroffene hat das Glück, alle Schritte rechtzeitig und vollständig zu kennen.

Wer sich in einer vergleichbaren Lage befindet — sei es als Sportler, Expat, Erbschaftsfall oder als Person mit laufendem Einbürgerungsverfahren — sollte frühzeitig rechtliche Beratung in Anspruch nehmen. Anwälte für Internationales Privatrecht, Sportrecht oder Migrationsrecht können:

  • prüfen, ob und welche Fristen für einen Nationalitätswechsel gelten,
  • beim „Change of Association"-Verfahren bei der FIFA begleiten,
  • grenzüberschreitende Erbschafts- oder Sorgerechtsfragen klären,
  • das Risiko eines unbeabsichtigten Staatsbürgerschaftsverlustes einschätzen.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Bei konkreten rechtlichen Fragen empfiehlt sich die Konsultation eines qualifizierten Anwalts.

Wie das jüngste Beispiel Tschechien bei internationalen Spielen zeigt, haben Spieler aus Ländern mit starker Emigrationsgeschichte besonders häufig mit solchen Mehrfach-Eligibilitäten zu tun. Auf Expert Zoom finden Sie spezialisierte Anwälte für internationales Sportrecht und Staatsbürgerschaftsfragen — für eine erste Einschätzung Ihrer konkreten Situation.

Weitere Informationen zu den deutschen Regelungen rund um die Mehrstaatigkeit finden sich auf der offiziellen Seite der Bundesregierung zu Mehrstaatigkeit.

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