Ronnie O'Sullivan, siebenmaliger Snooker-Weltmeister und meistdiskutierter Spieler seines Sports, hat die Snooker-Weltorganisation WPBSA öffentlich aufgefordert, bei jedem Turnier eine professionelle Psychologin oder einen Psychologen bereitzustellen. Der 50-Jährige begründete seinen Vorstoß damit, dass „die anderen 124 Profis mit absoluter Sicherheit auch mental kämpfen" – wenn schon etablierte Topspieler wie er selbst, Mark Selby und John Higgins unter psychischem Druck leiden. Der Fall O'Sullivan ist in Deutschland aktuell 1.000-fach gesucht. Und er wirft eine Frage auf, die Millionen Beschäftigte kennen: Wann ist der Punkt erreicht, an dem man professionelle Hilfe braucht?
Burnout im Spitzensport – ein Muster, das viele kennen
O'Sullivan ist kein Einzelfall. Er beschrieb öffentlich, wie er durch übermäßiges Training Turniere erschöpft erreichte: „Wenn ich zum Turnier kam, war ich ausgebrannt." Dieses Muster – maximale Leistung bis zum Kollaps – ist aus dem Leistungssport ebenso bekannt wie aus dem Berufsalltag.
Burnout ist kein Phänomen des Schwächeseins. Es entsteht aus dem Widerspruch zwischen dauerhafter Hochleistung und fehlender Erholung. Laut dem Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) zählt Burnout zu den häufigsten Diagnosen im Zusammenhang mit arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen. Besonders gefährdet sind Menschen in Berufen mit hoher Eigenverantwortung, hohem Leistungsdruck oder dauerhafter Erreichbarkeit – dazu gehören nicht nur Profisportler, sondern auch Führungskräfte, Pflegepersonal, Lehrkräfte und Selbstständige.
Die Warnsignale: Was der Körper sagt, bevor der Kopf aufhört
Viele Menschen mit Burnout bemerken die Signale erst im Rückblick. Charakteristisch sind drei Phasen, die sich schleichend entwickeln:
Phase 1 – Überengagement: Erhöhte Arbeitslast wird mit noch mehr Einsatz kompensiert. Schlaf wird gekürzt, Hobbys aufgegeben. Außenstehende sehen jemanden, der „total motiviert" wirkt. Betroffene merken: Trotz hohem Einsatz fühlen sie sich nicht befriedigt.
Phase 2 – Abstumpfung: Zynismus, innere Distanz zu Kollegen oder Kunden, nachlassendes Engagement. Man tut die Dinge noch, aber ohne Überzeugung. Fehler häufen sich, Konzentration lässt nach.
Phase 3 – Erschöpfung: Körperliche Symptome treten auf – Schlafstörungen, Kopfschmerzen, häufige Infekte, Herzrasen. Die emotionale Leere wird auch privat spürbar: soziale Isolation, Gereiztheit, Antriebslosigkeit.
Das tückische an Burnout ist, dass Betroffene in Phase 1 und 2 oft für besonders belastbar gehalten werden. Die Erschöpfung kommt dann oft plötzlich und mit voller Wucht.
Wann ist professionelle Hilfe angezeigt?
O'Sullivan fordert niedrigschwelligen Zugang zu psychologischer Unterstützung – nicht erst dann, wenn jemand zusammenbricht. Das entspricht dem medizinischen Konsens: Frühe Intervention ist effektiver als Krisenbehandlung.
Sprechen Sie mit einer Ärztin oder einem Arzt, wenn:
- Schlafstörungen, Erschöpfung oder innere Leere länger als zwei Wochen anhalten
- Sie Freude an Dingen verlieren, die Ihnen früher wichtig waren
- Sie körperliche Symptome haben, für die keine organische Ursache gefunden wird
- Sie das Gefühl haben, funktionieren zu müssen, obwohl nichts mehr geht
- Kolleginnen, Partner oder Familie Veränderungen ansprechen, die Sie selbst nicht wahrnehmen
Hausärztinnen und Hausärzte sind erste Anlaufstelle. Sie können eine fachärztliche Überweisung ausstellen oder direkt eine psychotherapeutische Behandlung einleiten. Wartezeiten auf einen Therapieplatz können mehrere Monate betragen – wer früh handelt, verschafft sich Zeit.
Laut den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie (DGPPN) ist Burnout kein eigenständiges Krankheitsbild im ICD-Sinne, aber ein ernstzunehmendes Erschöpfungssyndrom, das einer ärztlichen Abklärung bedarf – insbesondere um eine depressive Episode oder eine Angststörung auszuschließen.
Was O'Sullivans Forderung für uns bedeutet
Die Forderung von O'Sullivan richtet sich an Sportverbände – aber das Prinzip dahinter gilt universell: Psychische Gesundheit braucht strukturelle Unterstützung, nicht nur individuelle Stärke. In Deutschland sind Arbeitgeber nach § 5 Arbeitsschutzgesetz verpflichtet, psychische Belastungen bei der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen. Betriebliche Gesundheitsprogramme, Employee Assistance Programs (EAPs) oder anonyme Beratungshotlines sind erste Maßnahmen – aber noch längst nicht überall Standard.
Was hilft wirklich? Evidenzbasierte Ansätze
Die Wissenschaft ist klar: Burnout ist behandelbar. Studien aus der Psychotherapieforschung zeigen, dass kognitiv-behaviorale Therapie (KVT) und Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) wirksame Methoden zur Behandlung und Vorbeugung sind. O'Sullivan selbst sprach öffentlich über seine Erfahrungen mit Meditation und professioneller psychologischer Begleitung als Teile seiner Genesung.
Daneben helfen konkrete Veränderungen im Alltag:
- Strukturierte Auszeiten – nicht als Belohnung für gute Arbeit, sondern als feste Termine in der Woche
- Digitale Grenzen setzen – E-Mails außerhalb der Arbeitszeit abschalten, auch wenn der Chef es nicht explizit verlangt
- Körperliche Aktivität – moderate Bewegung ist einer der wirksamsten Puffer gegen psychische Erschöpfung
- Soziale Verbindungen pflegen – Isolation verstärkt Burnout; bewusst Gespräche suchen, auch wenn die Energie fehlt
Wichtig: Wer sich bereits in einer fortgeschrittenen Phase befindet, braucht professionelle Begleitung. Selbsthilfe allein reicht dann nicht mehr.
Wie Arbeitgeber in der Pflicht sind
O'Sullivans Kritik am Snooker-Verband hat ein Pendant in der deutschen Arbeitswelt. Nach dem Arbeitsschutzgesetz und der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) sind Unternehmen nicht nur für körperliche, sondern ausdrücklich auch für psychische Sicherheit am Arbeitsplatz verantwortlich. Gefährdungsbeurteilungen müssen psychische Belastungen erfassen.
In der Praxis mangelt es häufig an Umsetzung. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nicht nachkommt und strukturelle Überlastung ignoriert, haben Sie das Recht, betriebliche Interessenvertretungen (Betriebsrat, MAV) einzuschalten oder den betriebsärztlichen Dienst aufzusuchen.
Wer unsicher ist, ob die eigene Situation professioneller Unterstützung bedarf, kann auf Expert Zoom Allgemeinmediziner und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie konsultieren – diskret, online und ohne lange Wartezeiten.
Ähnliche Fälle zeigen, dass das Muster universell ist: Chappell Roans Burnout-Geständnis: Was der Musikbranche jetzt Konsequenzen drohen
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient allgemeinen Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden Symptomen wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt oder eine Fachärztin.
Weiterführende Informationen: Gesundheitsinformation.de – Burnout (IQWiG)
