Reinhard Mey mit 83 in den Charts: Was Musik wirklich mit dem alternden Gehirn macht

Aelterer Mann spielt Akustikgitarre allein zu Hause, konzentriert auf sein Instrument

Photo : Shixart1985 / Wikimedia

Lena Lena MeyerGesundheit
6 Min. Lesezeit 4. Oktober 2026

Als Reinhard Mey im September 2026 sein dreißigstes Studioalbum „Schatzhauser" veröffentlichte, war das mehr als eine Neuerscheinung: Der 83-jährige Liedermacher kehrte dabei zu den Anfängen seiner Karriere zurück – aufgenommen mit nur Gitarre und Stimme, genau wie sein Debüt von 1965. Das Ergebnis landete sofort in den deutschen Charts. Fachleute und Fans stellen sich dieselbe Frage: Wie bleibt jemand nach mehr als sechs Jahrzehnten im Musikbusiness geistig so lebendig und kreativ? Eine wegweisende Studie der Universität Exeter liefert eine überraschend konkrete Antwort – und zeigt, was das für jeden bedeutet, der über 60 ist.

Der Schatzhauser-Effekt: Wie ein viraler Moment das Comeback einleitete

Die Geschichte hinter dem Charterfolg beginnt nicht mit dem Album selbst. Ende 2025 enthielt eine Netflix-Dokumentation über Rapper Haftbefehl einen kurzen Ausschnitt aus Reinhard Meys Lied „In meinem Garten" – einem Stück aus dem Jahr 1970. Die Wirkung war unmittelbar: Der Song kletterte auf Platz 15 der deutschen Charts und brachte eine ganze neue Generation dazu, das Werk des Liederdichters zu entdecken.

Was folgte, war kein hastig zusammengestelltes Comeback-Album mit Gastauftritten und modernem Produzenten-Sound. „Schatzhauser" enthält dreizehn Lieder, die Mey so aufgenommen hat, wie er es seit Jahrzehnten nicht mehr getan hatte: kein Orchester, keine digitalen Effekte, keine Streicher-Untermalung. Nur eine Gitarre und seine Stimme. „Ich wollte zu meinen Wurzeln zurück", erklärte Mey der Neuen Osnabrücker Zeitung, „genau so wie meine erste Platte von 1965."

Das Album spricht von persönlichen Erlebnissen und Zeitgeschichte – typisch für einen Künstler, der Deutschland seit der Adenauer-Ära musikalisch begleitet hat. Aber abseits aller kulturellen Bedeutung bleibt eine schlichte Beobachtung verblüffend: Ein 83-Jähriger, der mit minimalem Equipment dreizehn neue Lieder aufnimmt, in die Charts einsteigt und dabei klarer und präziser klingt als viele jüngere Kollegen. Was ermöglicht das? Und was lässt sich daraus für alle lernen, die im Alter geistig fit bleiben wollen?

Mey ist in seiner Biografie kein Ausnahmefall, was die lebenslange musikalische Aktivität betrifft. Seit 1965 hat er – mit kleinen Unterbrechungen – jedes Jahr neue Lieder geschrieben, geprobt, aufgenommen oder live gespielt. Das ist kein Zufall. Und die Hirnforschung erklärt mittlerweile sehr genau, warum das einen Unterschied macht.

Was die PROTECT-Studie über Musik und Gehirngesundheit belegt

Die Wissenschaft liefert dazu erhellende Antworten. Die sogenannte PROTECT-Studie der Universität Exeter analysierte Daten von 1.107 Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren. Die Ergebnisse, veröffentlicht im International Journal of Geriatric Psychiatry, sind eindeutig: Menschen, die ihr Leben lang aktiv ein Instrument gespielt haben, schneiden in kognitiven Tests signifikant besser ab – insbesondere beim Arbeitsgedächtnis und den sogenannten Exekutivfunktionen, also der Fähigkeit zur Planung, zum Problemlösen und zum flexiblen Denken.

Unter den untersuchten Instrumenten zeigte das Klavierspiel die stärkste Korrelation mit verbesserter Kognition, gefolgt von Blechblas- und Holzblasinstrumenten. Singen im Chor verbesserte die Exekutivfunktionen zuverlässig, nicht aber das Arbeitsgedächtnis in gleichem Maße. Besonders aufschlussreich: Passives Musikhören – also Musik laufen lassen beim Kochen oder Autofahren – erzeugte keinen messbaren kognitiven Trainingseffekt. Der Gehirntrainingseffekt entsteht erst durch das aktive, motorisch-koordinative Tun: Finger auf den Tasten, Atemtechnik beim Blasen, die mentale Herausforderung, Noten zu lesen und umzusetzen.

Professorin Anne Corbett von der Universität Exeter brachte den Mechanismus auf den Punkt: „Musik zu machen könnte eine Möglichkeit sein, die Agilität und Resilienz des Gehirns zu nutzen – das sogenannte kognitive Reserve-Prinzip." Das Gehirn bildet dabei neuronale Reservekapazitäten, die den altersbedingten Abbau kognitiver Funktionen verlangsamen oder abfedern können.

Diese Perspektive ist medizinisch bedeutsam. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit rund 55 Millionen Menschen an Demenz – eine Zahl, die sich bis 2050 auf schätzungsweise 139 Millionen verdreifachen könnte. Da es bisher keine universelle Heilung gibt, rücken präventive Maßnahmen, die das kognitive Reserve-Prinzip stärken, zunehmend in den Fokus der Medizin.

Maria K., 68 Jahre: Lohnt es sich jetzt noch, Gitarre zu lernen?

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Maria K. ist 68 Jahre alt, Lehrerin im Ruhestand aus Hannover. Als Kind und Jugendliche hat sie Gitarre gespielt – und mit Anfang 40, als Kinder und Karriere zu viel Zeit beanspruchten, damit aufgehört. Heute fällt ihr auf, dass sie in Gesprächen manchmal den Faden verliert, Namen nicht sofort abruft und beim Lesen Absätze mehrfach wiederholen muss.

Nach dem Charterfolg von Reinhard Meys „Schatzhauser" fragt sie sich: Würde es sich kognitiv lohnen, das Gitarrenspiel wieder aufzunehmen?

Die PROTECT-Studie gibt eine klare Richtung vor. Unter den 44 Prozent der Studienteilnehmer, die zum Zeitpunkt der Untersuchung aktiv Instrument spielten (Durchschnittsalter 68 Jahre), erzielten auch jene bessere Gedächtniswerte, die in ihrer Jugend eine längere Pause eingelegt hatten. Die Erkenntnis: Es ist nie zu spät, um wieder einzusteigen. Wer mit 68 Jahren aktiv mit dem Musizieren beginnt oder es wieder aufnimmt, kann laut Forschung noch immer messbare kognitive Reserven aufbauen.

Konkret könnte das für Maria K. bedeuten: Zweimal wöchentlich 30 bis 45 Minuten aktives Gitarrenüben – idealerweise mit einem Musikpädagogen oder Nachhilfelehrer für Erwachsene – aktiviert genau die neuronalen Netzwerke, die für Gedächtnis und Planungsfähigkeit zuständig sind. Zum Vergleich: Dieselben zwei Stunden täglich mit Reinhard Mey im Hintergrund hätten laut Studie keinen vergleichbaren kognitiven Effekt. Der Unterschied liegt im aktiven Tun: motorische Koordination, Noten lesen, Fehler korrigieren – das ist das eigentliche Gehirntraining.

Wenn Maria K. allerdings bemerkt, dass das Vergessen über normale Alterserscheinungen hinausgeht – zum Beispiel, wenn bekannte Gesichter nicht mehr erkannt werden, alltägliche Handgriffe verloren gehen oder kurzzeitige Orientierungslosigkeit in der eigenen Wohnung auftritt – sollte sie keine Stunde warten: Dann ist nicht die Gitarrstunde die erste Maßnahme, sondern das Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt. Frühzeitig erkannte leichte kognitive Beeinträchtigungen (Mild Cognitive Impairment, MCI) lassen sich heute deutlich besser behandeln als fortgeschrittene Demenzstadien.

Warnsignale: Wann normales Vergessen zum Alarmsignal wird

Gelegentliches Vergessen ist ein normaler Bestandteil des Älterwerdens. Wer nach 60 nach einem Wort sucht oder einen Termin verwechselt, muss sich zunächst keine ernsthaften Sorgen machen. Ernsthafter einzuschätzen sind dagegen folgende Muster, die wiederholt und ohne äußere Erklärung auftreten:

  • Alltagsgegenstände landen regelmäßig an völlig ungewöhnlichen Orten (Portemonnaie im Gefrierfach, Schlüssel im Badezimmerschrank)
  • Bekannte Routen oder vertraute Räume erzeugen kurzfristige Orientierungslosigkeit
  • Namen von Familienmitgliedern oder langjährigen Freunden sind plötzlich nicht mehr abrufbar
  • Früheres Interesse an Musik, Lesen oder anderen Hobbys verschwindet ohne erkennbaren Grund
  • Ungewöhnliche Stimmungsschwankungen, sozialer Rückzug oder neue Ängstlichkeit im Alltag

Diese Signale bedeuten nicht zwingend eine Demenzdiagnose – sie sind aber ein klares Zeichen, dass eine professionelle Einschätzung sinnvoll ist. Je früher, desto besser.

Was ein Neurologe oder Geriatriker bei kognitiven Beschwerden konkret tut

Der Hausarzt ist häufig die erste Anlaufstelle. Mit dem standardisierten Mini-Mental-Status-Test (MMST) lässt sich schnell einschätzen, ob eine weiterführende Diagnostik sinnvoll ist. Bei auffälligen Ergebnissen folgt die Überweisung an einen Facharzt für Neurologie oder Geriatrie.

Dort kommen bildgebende Verfahren wie MRT oder CT-Schädelaufnahmen zum Einsatz, ergänzt durch neuropsychologische Testbatterien. Diese messen gezielt, welche kognitiven Bereiche – Sprache, Orientierung, Gedächtnis, Planung – betroffen sind und in welchem Ausmaß. Auf dieser Grundlage können Behandlungspfade entwickelt werden: kognitive Trainingsprogramme, Lebensstilanpassungen wie strukturiertes Musizieren, oder in bestimmten Fällen medikamentöse Unterstützung.

Wer eine zweite Meinung zu einem Befund sucht, nicht sicher ist, welcher Facharzt der richtige Ansprechpartner ist, oder eine erste Einschätzung ohne lange Wartezeiten möchte, kann auf Plattformen wie Expert Zoom direkt zertifizierte Neurologen oder Geriatriker befragen. Gerade bei Fragen zur Gehirngesundheit zählt jeder Monat: Eine frühe Diagnose bedeutet mehr Handlungsspielraum – und im besten Fall noch viele Jahre, in denen man Reinhard Meys neues Album nicht nur hört, sondern selbst aktiv Gitarre dazu spielt.


Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung oder Diagnose. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Unsicherheiten wenden Sie sich stets an einen qualifizierten Arzt oder eine qualifizierte Ärztin.

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