Manuel Gräfe vs. DFB: Was der Schiedsrichter-Altersstreit Arbeitnehmer lehrt

Schiedsrichter Manuel Gräfe auf dem Fußballfeld beim internationalen Spiel Österreich gegen Schweiz 2015

Photo : Steindy / Wikimedia

Lena Lena MüllerRechtsanwälte
4 Min. Lesezeit 7. Mai 2026

Das Oberlandesgericht Frankfurt verhandelt seit 2025 in einem der ungewöhnlichsten Arbeitsrechtsfälle des deutschen Sports: Manuel Gräfe, einst einer der renommiertesten Bundesliga-Schiedsrichter, klagt gegen den DFB auf Schadensersatz wegen Altersdiskriminierung. Die erste Instanz gab ihm recht – doch der Fall geht weiter. Was das für Arbeitnehmer bedeutet, die ähnliche Situationen erleben, erklärt dieser Artikel.

Worum geht es im Fall Gräfe gegen DFB?

Manuel Gräfe pfiff über 300 Bundesliga-Spiele und galt als einer der besten deutschen Unparteiischen. Nach der Saison 2020/21 – Gräfe war damals 47 Jahre alt – setzte ihn der DFB nicht mehr auf die Elite-Schiedsrichterliste. Grund: Die interne Altersgrenze des Verbandes, nach der Schiedsrichter mit 47 Jahren aus dem Spitzenfußball ausscheiden.

Gräfe wehrte sich. Er reichte Klage beim Landgericht Frankfurt am Main ein und argumentierte, diese Altersgrenze verstoße gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das Gericht gab ihm im Januar 2023 recht: Die Altersgrenze wurde als Altersdiskriminierung eingestuft. Gräfe erhielt eine Entschädigung von 48.500 Euro. Den Anspruch auf entgangene Einnahmen wies das Gericht jedoch ab.

Was sagt das Oberlandesgericht Frankfurt?

Beide Seiten legten Berufung ein. Gräfe weitete seinen Schadensersatzanspruch auf rund 830.000 Euro aus – für vier Spielzeiten, in denen er noch hätte pfeifen können. Der DFB bestreitet weiterhin die Diskriminierung selbst.

In einer Anhörung im Frühjahr 2025 stellte das OLG Frankfurt mehrere kritische Fragen, die den DFB unter Druck setzen:

  • Das Gericht bezweifelte, ob die interne Entscheidung tatsächlich am 19. April 2021 getroffen wurde – wie vom DFB angegeben
  • Es fehle jeder wissenschaftliche Beleg, warum ausgerechnet das Alter 47 die Leistungsgrenze eines Elite-Schiedsrichters markiere
  • Das Gericht ermutigte beide Seiten zu Vergleichsgesprächen

Ein rechtskräftiges Urteil steht weiterhin aus. Das Verfahren läuft.

Warum ist diese Altersgrenze rechtlich problematisch?

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt Arbeitnehmer und vergleichbare Personen vor Benachteiligung unter anderem wegen des Alters. Eine Altersgrenze in einem Berufsfeld ist grundsätzlich rechtfertigungsbedürftig: Der Arbeitgeber oder Verband muss nachweisen können, dass die Grenze auf sachlichen, objektiv messbaren Gründen beruht.

Genau hier liegt das Problem des DFB: Eine willkürlich gezogene Grenze ohne wissenschaftliche Grundlage lässt sich vor Gericht schwer verteidigen. Anders ist es zum Beispiel bei Piloten oder Polizisten, für die der Gesetzgeber aus nachgewiesenen Sicherheitsgründen Altersgrenzen festgelegt hat.

Was bedeutet das für andere Berufsfelder?

Der Fall Gräfe ist kein Einzelphänomen. Altersbedingte Benachteiligungen treten in verschiedenen Formen auf:

  • Betriebe, die ab einem bestimmten Alter keine Ausbildungsplätze mehr vergeben
  • Unternehmen, die bei Beförderungen implizit jüngere Kandidaten bevorzugen
  • Sportverbände oder Unternehmen mit internen Altersgrenzen ohne gesetzliche Grundlage
  • Stellenausschreibungen, die Begriffe wie „jung" oder „dynamisch" verwenden, was als indirektes Altersmerkmal gewertet werden kann

Gemäß AGG haben Betroffene ab Kenntnis der Diskriminierung zwei Monate Zeit, Ansprüche geltend zu machen. Diese Frist ist kurz und wird von Betroffenen häufig übersehen.

Warum gehen so wenige Betroffene vor Gericht?

Nur ein Bruchteil der Altersdiskriminierungsfälle in Deutschland landet vor Gericht. Gründe dafür sind:

  • Die Diskriminierung ist oft schwer zu beweisen – besonders wenn sie informell oder durch Ermessen kaschiert wird
  • Viele Betroffene fürchten berufliche Nachteile oder eine Beschädigung ihres Rufs
  • Die kurze Anspruchsfrist von zwei Monaten führt dazu, dass Betroffene zu spät handeln
  • Fehlende Kenntnisse über das AGG und die eigenen Rechte

Gräfes Fall zeigt, dass es möglich ist, einen mächtigen Verband wie den DFB vor Gericht zu stellen und eine Grundsatzentscheidung zu erwirken – selbst wenn der Prozess Jahre dauert.

Schiedsrichter zwischen Status und Recht: Arbeitnehmer oder Selbstständige?

Ein juristisch interessanter Aspekt des Falls: DFB-Schiedsrichter sind keine klassischen Arbeitnehmer, sondern werden vertraglich als freie Mitarbeiter eingesetzt. Das AGG gilt jedoch nicht nur für Arbeitnehmer, sondern auch für sogenannte arbeitnehmerähnliche Personen – also Menschen, die wirtschaftlich von einem Auftraggeber abhängig sind und keinen eigenen Handlungsspielraum haben.

Gräfe konnte nachweisen, dass er als Bundesliga-Schiedsrichter faktisch in einer solchen arbeitnehmerähnlichen Stellung war. Dieses Argument könnte auch für viele Freelancer, Honorarkräfte oder sogenannte Plattformarbeiter relevant sein, die sich fragen, ob sie AGG-Schutz genießen.

Auch das Schicksal anderer Schiedsrichter, die in jüngster Zeit ihre Karriere unter weniger dramatischen Umständen beendeten, gibt Anlass zu Fragen über faire Übergänge im Profisport. Mehr dazu in unserem Artikel über Schiedsrichter-Rechte im deutschen Fußball.

Der Vergleich als Option: Wann lohnt sich eine außergerichtliche Einigung?

Das OLG Frankfurt hat beide Seiten ausdrücklich zu Vergleichsgesprächen ermutigt. Ein gerichtlicher Vergleich bietet Vorteile für beide Parteien: Der Kläger erhält eine schnelle, verbindliche Lösung – ohne das Risiko einer möglichen Niederlage im Revisionsverfahren. Der DFB vermeidet ein Grundsatzurteil, das weitreichende Auswirkungen auf andere Verbände und ihre Altersgrenzen haben könnte.

Für Arbeitnehmer in ähnlichen Situationen ist das ein wichtiger Hinweis: Ein außergerichtlicher Vergleich ist keine Schwäche. Wenn der Arbeitgeber bereit ist zu zahlen, um ein Urteil zu verhindern, kann das für den Arbeitnehmer wirtschaftlich die bessere Lösung sein – insbesondere dann, wenn der Prozess Jahre dauert und die Kosten steigen.

Was sollten Betroffene tun?

Wenn Sie das Gefühl haben, am Arbeitsplatz oder bei einem Verband aufgrund Ihres Alters benachteiligt zu werden, empfehlen Experten folgende Schritte:

  1. Dokumentieren Sie sofort alles: Notizen, E-Mails, Zeugen – je früher Sie Beweise sichern, desto besser
  2. Beachten Sie die Zwei-Monats-Frist nach Kenntnis der Diskriminierung für außergerichtliche Geltendmachung (§ 15 Abs. 4 AGG)
  3. Suchen Sie frühzeitig rechtliche Beratung: Ein spezialisierter Rechtsanwalt für Arbeitsrecht kann einschätzen, ob ein Verstoß gegen das AGG vorliegt und welche Schritte realistisch sind
  4. Wenden Sie sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes als kostenfreie erste Anlaufstelle

Der Fall Gräfe zeigt: Diskriminierung klagbar zu machen kostet Mut, Zeit und Nerven. Doch Grundsatzentscheidungen wie diese schützen letztlich alle Arbeitnehmer. Ein Rechtsanwalt auf ExpertZoom kann schnell einschätzen, ob Ihre Situation rechtliches Potenzial hat.

Hinweis: Dieser Artikel informiert allgemein über rechtliche Zusammenhänge und ersetzt keine individuelle Rechtsberatung.

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