Russischer Großangriff auf Kiew: Wann brauchen Betroffene psychologische Hilfe?

Das Goldene Michaelskloster in Kiew, Wahrzeichen der ukrainischen Hauptstadt

Photo : Rbrechko / Wikimedia

Lena Lena MeyerGesundheit
4 Min. Lesezeit 7. Juli 2026

In der Nacht zum 7. Juli 2026 hat Russland einen der heftigsten Angriffe seit Monaten auf die Ukraine geflogen. Mindestens acht Menschen kamen in Kiew ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Im historischen Stadtteil Podil traf eine Rakete ein Wohnhaus – Bewohner saßen in den oberen Stockwerken fest, Rettungskräfte arbeiteten sich stundenlang durch die Trümmer. Wolodymyr Selenskyj richtete noch in der Nacht einen dringenden Appell an die Verbündeten, weitere Abfangraketen zu liefern. In Berlin, Hamburg und Köln wachten Hunderttausende Ukrainerinnen und Ukrainer mit dem Smartphone in der Hand auf und verfolgten die Bilder ihrer alten Heimat in Echtzeit – und mit ihnen Millionen Deutsche, die den Krieg seit Jahren in den Nachrichten begleiten.

Die Frage, die Psychologinnen und Psychologen in Deutschland immer häufiger hören: Ab wann macht der Krieg psychisch krank – auch bei Menschen, die Tausende Kilometer entfernt von der Front leben?

Was in Kiew geschah: Die Fakten zum Nachtangriff

Der elfstündige Angriff kombinierte ballistische Raketen, seegestützte Marschflugkörper und Drohnen. Neben dem Wohnhaus im Podil wurden nach Angaben der ukrainischen Streitkräfte Militärflugplätze und Rüstungsinfrastruktur in mehreren Regionen getroffen. Die ukrainische Luftabwehr geriet dabei an ihre Kapazitätsgrenzen. Selenskyj machte deutlich, dass die Munitionsvorräte an Abfangraketen kritisch niedrig sind – ein Problem, das die Allianz seit Monaten beschäftigt.

Für viele Menschen in Deutschland ist dies alles andere als eine abstrakte Meldung: Rund 1,2 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer leben derzeit hierzulande, viele davon mit engen Familienangehörigen in Kiew oder anderen betroffenen Städten.

Sekundäres Trauma: Wenn fremdes Leid zur eigenen Last wird

Psychologinnen sprechen von sekundärem Trauma oder stellvertretendem Trauma: Nicht nur direkte Kriegsopfer, sondern auch Menschen, die intensiv und dauerhaft Kriegsberichte konsumieren, können in einen Zustand ernsthafter psychischer Belastung geraten. Das Gehirn unterscheidet beim Verarbeiten von Bildern und Schilderungen oft nicht zuverlässig zwischen erlebtem und beobachtetem Leid.

Für Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland kommt ein entscheidender Faktor hinzu: die ständige Sorge um Angehörige in aktiven Kampfgebieten. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) sind anhaltende Kriegsexposition und die Sorge um Nahestehende wesentliche Risikofaktoren für die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Fünf Warnsignale: Wann sollten Sie professionelle Hilfe suchen?

Nicht jede Reaktion auf Kriegsnachrichten ist behandlungsbedürftig. Trauer, Wut oder vorübergehende Schlafprobleme nach besonders schweren Angriffen sind normale menschliche Reaktionen. Kritisch wird es, wenn diese Symptome über mehrere Wochen anhalten oder den Alltag einschränken.

1. Anhaltende Schlafstörungen und Albträume. Wenn Sie seit mehr als drei Wochen nicht mehr durchschlafen können, immer wieder Bilder der Anschläge vor Augen haben oder nachts aufschrecken, ist das ein ernstes Signal.

2. Vermeidungsverhalten. Sie schalten das Radio aus, sobald Ukraine-Meldungen kommen, meiden Gespräche über den Krieg – obwohl Sie gleichzeitig nicht aufhören können, daran zu denken. Dieses Muster aus Vermeidung und zwanghaftem Gedankenkreisen ist typisch für traumatische Belastung.

3. Dauerhafter Alarmzustand. Überreizbarkeit, anhaltende Konzentrationsprobleme, Schreckhaftigkeit und innere Anspannung, die nicht nachlässt – dies sind Anzeichen, dass das Nervensystem dauerhaft aktiviert bleibt.

4. Emotionale Taubheit. Manche Betroffene berichten, plötzlich keinerlei Freude mehr für Dinge zu empfinden, die ihnen wichtig waren – Familie, Hobbys, Freundschaften. Das Abspalten von Emotionen als Schutzmechanismus ist ein wichtiges Warnsignal.

5. Körperliche Beschwerden ohne organische Ursache. Anhaltende Kopfschmerzen, Magenprobleme, Herzrasen oder Verspannungen, für die Ärztinnen und Ärzte keinen körperlichen Befund finden, können psychosomatische Reaktionen auf chronischen Stress sein.

Laut DGPPN entwickeln etwa 20 bis 30 Prozent der direkt Kriegsbetroffenen eine PTBS. Bei indirekter Belastung durch intensiven Medienkonsum ist die Rate zwar niedriger – jedoch nicht vernachlässigbar, besonders bei Personen mit engem persönlichem Bezug zum Kriegsgeschehen.

Wer in Deutschland besonders gefährdet ist

Bestimmte Gruppen sollten auf ihre psychische Belastung besonders achten:

  • Geflüchtete mit Angehörigen in aktiven Kampfgebieten: Jeder Luftangriff auf Kiew bedeutet für sie oft stundenlange Ungewissheit, ob Eltern, Geschwister oder Kinder in Sicherheit sind.
  • Kinder und Jugendliche, die Krieg und Flucht erlebt haben. Unverarbeitetes Trauma kann Konzentrationsfähigkeit und schulische Entwicklung langfristig beeinflussen.
  • Helfende und Ehrenamtliche: Sozialarbeiterinnen, Übersetzerinnen, Freiwillige in Flüchtlingsunterkünften, die täglich mit schweren Schicksalen in Berührung kommen, entwickeln häufig eine sekundäre Traumatisierung.
  • Intensiv-Medienkonsumenten: Wer täglich mehrere Stunden Kriegsberichterstattung verfolgt, trägt ein signifikant erhöhtes Risiko für Angstsymptome und depressive Verstimmungen.

Über die rechtlichen Aspekte des Ukraine-Krieges für in Deutschland lebende Personen informiert auch dieser Beitrag: Oreshnik-Angriff auf Kiew: Was das für Deutsche bedeutet.

Was Sie jetzt tun können

Der erste, oft unterschätzte Schritt ist ein bewusster Umgang mit Medienkonsum: Feste Zeitfenster für Nachrichten setzen, Benachrichtigungen in der Nacht deaktivieren, und aktiv auf den eigenen Körper hören. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt konkret, soziale Kontakte zu pflegen und stabilisierende Alltagsroutinen beizubehalten, die Sicherheit und Struktur geben.

Wenn diese Selbsthilfemaßnahmen nach zwei bis drei Wochen keine Erleichterung bringen, ist eine professionelle Konsultation der nächste Schritt. Eine Psychologin oder ein Psychologe kann einschätzen, ob eine kurze Krisenintervention, eine kognitive Verhaltenstherapie oder EMDR – eine besonders wirksame Methode zur Traumaverarbeitung – angezeigt ist. Für Ukrainerinnen und Ukrainer gibt es in Deutschland spezialisierte Beratungsangebote in ukrainischer und russischer Sprache.

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Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle medizinische oder psychologische Diagnose. Bei akuten psychischen Krisen wenden Sie sich sofort an den ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117) oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, 24 Stunden).

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