Softwareentwickler in einem Münchner Raumfahrt-Startup analysiert Raketentrajektorie auf einem großen Monitor

Isar Aerospace: Zweiter Fehlstart — was der New-Space-Boom für IT-Fachkräfte bedeutet

Anna Anna SchmidtInformationstechnologie
4 Min. Lesezeit 25. März 2026

Am 25. März 2026 um 22:00 Uhr MEZ wurde der zweite Startversuch der Spektrum-Rakete von Isar Aerospace vom Weltraumbahnhof Andøya in Norwegen bei T-3 Sekunden abgebrochen — kurz vor der Zündung der Triebwerke. Die Münchner Raumfahrt-Startup hatte zuvor angekündigt, €250 Millionen einsammeln und eine Bewertung von €2 Milliarden erreichen zu wollen. Was bedeutet das für IT-Fachkräfte, die in der Raumfahrtbranche Fuß fassen möchten?

Der zweite Fehlstart: Was technisch geschah

Isar Aerospace hatte seine erste Orbitalmission "Going Full Spectrum" im März 2025 nach 30 Sekunden verloren, als ein Belüftungsventil unbeabsichtigt öffnete. Für die zweite Mission — "Onward and Upward" — waren fünf Kleinsatelliten und ein Experimentnutzlast an Bord, geplant für eine sonnensynchrone Umlaufbahn.

Das automatische Abbruchsystem löste bei T-3 Sekunden aus. Die genaue Ursache wurde noch nicht öffentlich kommuniziert. Das 50-minütige Startfenster blieb offen, aber kein erneuter Versuch wurde unternommen.

Dieser Rückschlag zeigt exemplarisch, was NewSpace-Unternehmen täglich bewältigen: Hochkomplexe Systeme, bei denen ein einziger Sensor über Erfolg oder Millionen-Euro-Verlust entscheidet.

Warum IT-Fachkräfte jetzt gefragt sind

Isar Aerospace ist kein Einzelfall. Laut einer Analyse von SpaceCapital wurden im Jahr 2025 weltweit über 28 Milliarden US-Dollar in Raumfahrt-Startups investiert — davon ein erheblicher Teil in Europa. Deutschland hat sich mit Unternehmen wie Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg und HyImpulse zu einem der wichtigsten NewSpace-Standorte des Kontinents entwickelt.

In diesen Unternehmen wird IT-Kompetenz auf mehreren Ebenen benötigt:

Eingebettete Systeme und Avionik-Software: Flugcomputer, Sensor-Datenverarbeitung, Echtzeit-Betriebssysteme (RTOS). Ein einzelner Software-Bug kann eine Mission beenden.

Datenkommunikation und Netzwerktechnik: Bodenkontrollsysteme, Telemetrie-Übertragung, Verschlüsselung. Bei Isar Aerospace laufen pro Startversuch Terabytes an Sensordaten durch die IT-Infrastruktur.

Cloud Computing und DevOps: Simulationsumgebungen, CI/CD-Pipelines für sicherheitskritische Software, digitale Zwillinge der Rakete.

KI und maschinelles Lernen: Anomalie-Erkennung in Echtzeit, Predictive Maintenance für Triebwerke, Trajektorienoptimierung.

Das Problem: Fachkräftemangel trifft auf Boom

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz schätzt, dass Deutschland bis 2030 über 700.000 IT-Fachkräfte fehlen werden. Die Raumfahrtbranche konkurriert dabei mit Banken, Versicherungen und Tech-Konzernen um dieselben Talente.

Das macht den IT-Spezialisten zu einem begehrten Akteur — und stellt Arbeitnehmer vor neue rechtliche und vertragliche Fragen:

  • Geheimhaltungsvereinbarungen (NDAs): In Raumfahrt-Startups sind NDA-Klauseln für technisches Personal besonders weitreichend. Was darf ein IT-Experte nach einem Jobwechsel noch verwenden?
  • Aktienoptionen und ESOP: Viele Startups bieten Mitarbeiterbeteiligungen an. Was ist deren steuerliche und rechtliche Behandlung, wenn das Unternehmen Risikokapital aufnimmt?
  • Telearbeit und internationale Verträge: Wenn ein Ingenieur aus München für ein Start-up in Norwegen arbeitet, welches Arbeitsrecht gilt?

Wo IT-Jobs in der deutschen Raumfahrt entstehen

Der Markt konzentriert sich auf wenige Standorte. München ist mit Isar Aerospace, dem DLR-Hauptquartier und einem starken Luft- und Raumfahrt-Ökosystem die wichtigste Stadt. Aber auch Berlin, Hamburg und Stuttgart gewinnen an Bedeutung.

Für IT-Fachkräfte bedeutet das konkret: Die meisten offenen Stellen entstehen in kleinen und mittelgroßen Startups mit 50 bis 500 Mitarbeitern. Das ist strukturell anders als bei klassischen Arbeitgebern wie Airbus oder OHB, wo Bewerbungsverfahren Monate dauern können.

In NewSpace-Startups läuft die Einstellung schneller, die Verantwortung ist größer — und das Risiko auch. Ein IT-Spezialist, der von der Bankenbranche in die Raumfahrt wechselt, muss nicht nur seine technischen Fähigkeiten anpassen, sondern auch seinen Arbeitsvertrag neu verhandeln.

Was ein IT-Experte für NewSpace mitbringen muss

Die Anforderungen unterscheiden sich deutlich von klassischen Enterprise-IT-Jobs. Isar Aerospace und ähnliche Unternehmen suchen typischerweise Kandidaten mit:

  • Erfahrung in sicherheitskritischer Software-Entwicklung (DO-178C, ECSS-Standards)
  • Kenntnissen in C, C++, Python und MATLAB/Simulink
  • Verständnis für Real-time Computing und deterministische Systeme
  • Bereitschaft zur Zertifizierung nach europäischen Raumfahrtstandards (ESA ECSS)

Ein IT-Spezialist, der seine Fähigkeiten in Richtung NewSpace weiterentwickeln will, sollte zunächst seine vertragliche Situation analysieren: Bestehen Wettbewerbsverbote gegenüber dem aktuellen Arbeitgeber? Werden Weiterbildungskosten vom Unternehmen getragen? Und welche Klauseln zur geistigen Eigentumsübertragung sind im Vertrag enthalten — gerade bei selbst entwickelten Lösungen, die für mehrere Projekte wiederverwendbar wären?

Die Kehrseite: Startups können auch scheitern

Der zweite Fehlstart von Isar Aerospace wirft auch eine unbequeme Frage auf: Was passiert mit Mitarbeitern, wenn ein Raumfahrt-Startup insolvent wird?

In Deutschland gelten im Falle einer Insolvenz besondere Schutzrechte für Arbeitnehmer — Insolvenzgeld über die Bundesagentur für Arbeit sichert Gehälter für bis zu drei Monate rückwirkend. Aktienoptionen hingegen können wertlos werden.

IT-Fachkräfte in der Startup-Welt sollten ihre Arbeitsverträge sorgfältig prüfen und im Zweifelsfall einen Rechtsexperten konsultieren, bevor sie einen Vertrag unterschreiben. Die Vergütung in Aktienoptionen klingt attraktiv — wird aber erst dann real, wenn das Unternehmen einen Exit erzielt.

Fazit: Fehlstart als Lernchance

Isar Aerospace hat öffentlich erklärt, aus jedem Startversuch zu lernen. Das ist das Wesen der Raumfahrtentwicklung: iteratives Testen, Analysieren, Verbessern. Für IT-Fachkräfte, die diesen Prozess mitgestalten wollen, bietet die deutsche NewSpace-Branche einzigartige Möglichkeiten — vorausgesetzt, sie kennen ihre Rechte und verstehen, worauf sie sich einlassen.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Bei Fragen zu Arbeitsverträgen, Aktienoptionen oder NDAs im IT-Bereich empfehlen wir die Beratung durch einen Rechtsanwalt für Arbeitsrecht oder IT-Recht.

Ein IT-Rechtsexperte kann Ihnen helfen, Vertragsklauseln zu verstehen und Ihre Interessen bei Verhandlungen mit Raumfahrt-Startups zu schützen.

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