Als Axel Schulz am 5. Oktober 2026 zum ersten Mal in seiner Karriere ein Reality-TV-Format betritt und ins „Promi Big Brother"-Haus auf Sat.1 einzieht, schaut ganz Deutschland auf den 55-jährigen Exboxer. Der „Sanfte Riese" aus Frankfurt (Oder) ist für eine ganze Generation das Gesicht des deutschen Schwergewichtsboxens — drei WM-Kämpfe um den IBF-Titel, 33 Profikämpfe, Legenden-Status. Was viele Fans dabei vergessen: Sein Körper hat dabei Tausende von Treffern gegen die härtesten Schädel der Welt kassiert. Das Thema Hirngesundheit bei ehemaligen Profis rückt gerade deshalb wieder in den Fokus.
Drei WM-Kämpfe, 33 Profikämpfe — und ein Leben danach
Axel Schulz bestritt zwischen 1990 und 2006 insgesamt 33 Profikämpfe, von denen er 26 gewann. Seine WM-Kämpfe gegen George Foreman (1995) und zweimal gegen Wladimir Klitschko (1996) machten ihn berühmt. In diesen hochklassigen Fights kassierte er hunderte Volltreffer von Schwergewichtsfäusten.
Schulz ist damit kein Einzelfall: Deutschland hat eine lebendige Boxgeschichte, Tausende Amateur- und Profiboxer sind aktuell aktiv oder haben jahrelang trainiert. Laut dem Deutschen Boxsport-Verband sind bundesweit rund 80.000 Boxerinnen und Boxer lizenziert — das ist eine Bevölkerungsgruppe mit einem spezifischen Gesundheitsrisiko, das oft unterschätzt wird.
Das Medizinjournal Deutsches Ärzteblatt hat die akuten Komplikationen und Spätfolgen des Boxsports ausführlich dokumentiert. Die Befunde sind eindeutig: Boxen ist neurophysiologisch eine der belastendsten Sportarten für das Gehirn.
Was die Forschung über Boxer und Hirngesundheit weiß
Die wissenschaftliche Datenlage zu Langzeitschäden bei Boxern ist heute umfangreicher denn je. Laut aktuellen Studien — unter anderem publiziert im Deutschen Ärzteblatt und in internationalen Fachzeitschriften wie The Lancet Neurology — leiden zwischen 10 und 20 Prozent aller Profiboxer unter anhaltenden neurologischen Folgeerkrankungen.
Die Mechanismen dahinter sind gut verstanden: Jeder Schlag gegen den Kopf erzeugt eine Rotationsbewegung des Gehirns innerhalb des Schädels. Einzelne Schläge mögen sich erholen, aber die kumulative Wirkung von tausenden solcher Mikrotraumata über eine Karriere hinweg hinterlässt Spuren im Hirngewebe.
Was besonders alarmierend ist: Schon nach drei Jahren Profiboxen zeigen Athleten laut Forschungsdaten einen messbaren Rückgang der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit — im Durchschnitt um bis zu 20 Prozent verglichen mit Nicht-Sportlern gleichen Alters. Gedächtnis und Reaktionsschnelligkeit sind ebenfalls betroffen, oft bevor der Boxer selbst Symptome bemerkt.
Ein weiterer Faktor: Das Risiko, an Parkinson oder Alzheimer zu erkranken, ist bei ehemaligen Profiboxern signifikant erhöht. Der Zusammenhang wurde unter anderem beim früheren Weltmeister Muhammad Ali prominent, aber das Phänomen betrifft weit mehr ehemalige Kämpfer — und damit potenziell auch ihre Familien, die die Veränderungen manchmal früher wahrnehmen als die Betroffenen selbst.
Die stille Bedrohung: Chronisch Traumatische Enzephalopathie (CTE)
Der Begriff, der Sportärzte und Neurologen weltweit beschäftigt, heißt Chronisch Traumatische Enzephalopathie, kurz CTE. Diese neurodegenerative Erkrankung entsteht durch wiederholte Hirntraumata und ist erst post mortem sicher diagnostizierbar — was sie im Lebenden so schwer zu fassen macht.
Wissenschaftliche Erhebungen gehen davon aus, dass CTE bei Profiboxern mit erschreckend hoher Häufigkeit vorkommt: Einige Studien nennen Werte von bis zu 87 Prozent bei Athleten mit langer Karriere. Die Erkrankung verläuft schleichend: Zuerst Reizbarkeit und leichte Gedächtnislücken, dann kognitive Einbußen, Depressionen, schließlich Demenz-ähnliche Symptome.
Das Heimtückische: Zwischen dem Ende der Boxkarriere und den ersten deutlichen Symptomen können viele Jahre vergehen. Ein Boxer, der mit 35 aufhört, bemerkt die Folgen möglicherweise erst mit 50 oder 55 — also genau in dem Alter, in dem Axel Schulz heute ist. Das macht neurologische Vorsorge für ehemalige Boxer zu einer der wichtigsten Gesundheitsmaßnahmen überhaupt.
Axel Schulz selbst hat in Interviews nie öffentlich über neurologische Beschwerden gesprochen. Der Einzug ins „Promi Big Brother"-Haus bietet ihm eine neue Bühne und zeigt ihn vital und lebendig. Umso wichtiger ist es, den allgemeinen Kontext seines Berufslebens zu verstehen — nicht als Anklage gegen den Sport, sondern als Information für die Hunderttausenden, die Boxen betreiben oder Menschen kennen, die es getan haben.
Wer sich fragt, wie es Ex-Kolleg Christian Lell geht, der ebenfalls in der Promi-BB-2026-Staffel zu sehen ist, kann hier nachlesen, wie Lell öffentlich über seinen Umgang mit Sucht und Depression spricht — ein weiteres Beispiel, wie das Reality-TV wichtige Gesundheitsthemen ins Bewusstsein rückt.
Welche Warnsignale ehemalige Boxer ernst nehmen müssen
Für ehemalige Boxer — vom Hobbyathlet bis zum Ex-Profi — gibt es eine klare Reihe von Warnsignalen, bei denen ein Besuch beim Neurologen zwingend empfohlen wird. Diese Liste ist keine Diagnose, sondern eine Orientierungshilfe:
Kognitive Veränderungen: Häufigeres Vergessen von Namen, Terminen oder Alltagsaufgaben, die früher problemlos erinnert wurden. Verlangsamtes Denken oder Schwierigkeiten beim Multitasking.
Stimmungs- und Verhaltensveränderungen: Erhöhte Reizbarkeit, unverhältnismäßige Aggressionsreaktionen oder unerklärliche Depressionsschübe, die früher nicht vorhanden waren.
Motorische Symptome: Feinmotorische Einschränkungen, leichtes Zittern der Hände, verlangsamte Reaktionszeit oder Koordinationsprobleme.
Schlafstörungen und Kopfschmerzen: Chronische Migräne oder Spannungskopfschmerzen, die nach der Karriere neu aufgetreten sind, können auf neurophysiologische Veränderungen hinweisen.
Persönlichkeitsveränderungen, die andere wahrnehmen: Häufig sind es Partner, Kinder oder Freunde, die Veränderungen früher bemerken als die Betroffenen selbst. Diese Fremdwahrnehmung sollte ernst genommen werden.
Wichtig: Nicht jedes Symptom bedeutet CTE oder Boxerdemenz. Viele dieser Anzeichen können auch andere Ursachen haben. Nur eine neurologische Untersuchung kann Klarheit bringen — aber die muss man erst einmal in Anspruch nehmen.
Der konkrete Fall: Was passiert, wenn man wartet?
Nehmen wir das Beispiel von Michael S., 48 Jahre alt, aus München. Er hat zwischen 1995 und 2008 als Amateur- und später Halbprofiboxer trainiert — etwa 200 Kämpfe, davon 40 auf semi-professionellem Niveau. Heute arbeitet er als Lagerleiter und bemerkt seit rund einem Jahr, dass ihm Namen nicht mehr so schnell einfallen wie früher. Seine Frau sagt, er sei reizbarer geworden. Er schiebt es auf Stress.
Wenn Michael wartet (Szenario A): Ohne neurologische Abklärung bleiben mögliche Frühzeichen unentdeckt. Sollte eine beginnende CTE-assoziierte Veränderung vorliegen, verpasst er das Zeitfenster für frühzeitige Interventionen. Neuropsychologische Folgeschäden können sich beschleunigen — und wenn die Diagnose kommt, sind bereits irreversible Schäden eingetreten. Die langfristigen Kosten — medizinische Versorgung, Pflegebedarf, Einkommensausfall — können sich auf 200.000 Euro und mehr summieren.
Wenn Michael einen Neurologen aufsucht (Szenario B): Eine erste neurologische Konsultation mit MRT kostet in Deutschland zwischen 250 und 500 Euro, wenn sie nicht vollständig über die Krankenkasse abgedeckt ist. Ein standardisiertes neuropsychologisches Testing (z.B. MoCA-Test) ist kostengünstig und dauert 15 Minuten. Wird eine Veränderung festgestellt, können gezielte Maßnahmen eingeleitet werden: kognitives Training, Medikation bei Begleiterscheinungen wie Depressionen, engmaschiges Monitoring. Wird nichts festgestellt, hat Michael Sicherheit — und einen Baseline-Wert für zukünftige Vergleiche.
Das Prinzip lautet: Wenn du mehr als drei Jahre Boxsport auf semi-professionellem oder professionellem Niveau betrieben hast und ab dem 40. Lebensjahr neue kognitive oder emotionale Veränderungen bemerkst, ist eine neurologische Abklärung kein Luxus, sondern medizinisch vernünftig.
Auch für Angehörige von Ex-Boxern gilt: Veränderungen im Verhalten oder in der Gedächtnisleistung des Partners, Vaters oder Freundes sollten nicht als normale Alterserscheinung abgetan werden — eine Arztmeinung kostet wenig, ein verpasstes Frühstadium jedoch sehr viel.
Axel Schulz' Einzug ins Big Brother-Haus erinnert uns daran, dass die Menschen, die uns als Athleten begeistert haben, als echte Menschen mit echten Gesundheitsrisiken weiterleben. Die gute Nachricht: Wer früh handelt, hat deutlich bessere Karten.
Eine neurologische Einschätzung bekommst du auch über ExpertZoom — die Plattform vermittelt Expertenberatungen auch im medizinischen und neuropsychologischen Bereich. Der erste Schritt muss nur getan werden.
Für alle, die sich fragen, was Boxen mit dem Gehirn macht — auch auf Amateurebene — bieten die aktuellen Erkenntnisse zu Hirntrauma-Risiken bei Boxer-Comebacks einen weiteren wichtigen Einblick.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich an eine medizinische Fachkraft.

Lena Meyer