Ali Güngörmüs bei 3nach9: Was Köche über Stress, Rücken und Ernährung wissen sollten
Ali Güngörmüs, der mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Hamburger Küchenchef, war am 27. März 2026 zu Gast in der Talkshow 3nach9. Der Auftritt folgte auf das Finale seiner Kabel-Eins-Sendung „Roadtrip Australien". Doch hinter dem glamourösen TV-Bild verbirgt sich eine Realität, die Millionen Küchenarbeiter in Deutschland kennen: Profiköche zählen zu den am stärksten körperlich belasteten Berufsgruppen Europas.
Ein Beruf zwischen Leidenschaft und körperlicher Erschöpfung
Die Küche ist ein Hochleistungsort. Zwölf- bis vierzehnstündige Arbeitstage stehend auf hartem Bodenbelag, Hitze von über 40 Grad, schwere Töpfe, präzise Schneidbewegungen — das alles hinterlässt Spuren. Laut Daten der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) gehören Köche und Küchenangestellte zu den Berufsgruppen mit den höchsten Raten an Muskel-Skelett-Erkrankungen in Deutschland.
Die häufigsten Beschwerden:
- Rückenschmerzen (insbesondere Lendenwirbelsäule) durch dauerhaftes Stehen und Heben
- Sehnenscheidenentzündung an Handgelenken und Unterarmen durch repetitive Schneidebewegungen
- Varizen (Krampfadern) durch stundenlanges Stehen auf hartem Untergrund
- Verbrennungen und Schnittwunden als akute Verletzungsrisiken
- Tinnitus durch den anhaltenden Lärm in Großküchen
Ali Güngörmüs selbst sprach in vergangenen Interviews offen über den Druck in der Spitzengastronomie. Die Balance zwischen kreativer Leistung und körperlicher Gesundheit ist für Profiköche eine tägliche Herausforderung.
Ernährung im Berufsalltag: der blinde Fleck der Profis
Paradoxerweise ernähren sich viele Köche trotz ihrer kulinarischen Expertise im Arbeitsalltag ungesund. Das Kochen für andere lässt wenig Zeit für das eigene Essen. Kalte Speisen nebenbei, hastiges Essen in der Pause, hoher Koffein- und Zuckerkonsum zur Energiesteigerung — diese Muster sind in der Gastronomiebranche weit verbreitet.
Eine Ernährungsberaterin oder ein Ernährungsberater kann dabei helfen:
- Mahlzeiten für Schichtarbeit zu planen — der Stoffwechsel reagiert anders bei unregelmäßigen Esszeiten
- Entzündungshemmende Ernährung zu empfehlen, die Muskelkater und Gelenkschmerzen reduzieren kann
- Hydratationsstrategien für heiße Küchen zu entwickeln — Dehydration ist in Profiküchen ein häufiges Problem
- Mikronährstoffmangel zu erkennen — Vitamin D, Magnesium und B-Vitamine sind bei Küchenpersonal oft defizitär
Wenn der Rücken streikt: wann zum Arzt?
Rückenschmerzen betreffen irgendwann fast jeden Koch. Doch wann sind sie harmlos, und wann sollte man handeln? Die Bundesärztekammer empfiehlt bei folgenden Warnsignalen einen Arzt aufzusuchen:
- Schmerzen, die länger als 6 Wochen andauern ohne Verbesserung
- Schmerzen, die nachts zunehmen oder den Schlaf stören
- Ausstrahlende Schmerzen in Beine oder Arme (mögliches Anzeichen für einen Bandscheibenvorfall)
- Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Schwäche in den Extremitäten
- Schmerzen nach einem Sturz oder einem heftigen Aufprall
Im Fall von chronischen Berufserkrankungen ist der Arbeitsmediziner der erste Ansprechpartner: Er beurteilt den Zusammenhang zwischen Beruf und Erkrankung und kann Maßnahmen zur Prävention einleiten — bis hin zu einer Meldung als Berufskrankheit.
Burnout in der Gastronomie: das unsichtbare Risiko
Spitzengastronomie ist psychisch extrem belastend. Perfektionismus, Leistungsdruck, unregelmäßige Arbeitszeiten und die Abhängigkeit von Restaurantkritiken wie dem Michelin-Guide schaffen ein Umfeld, in dem Burnout häufig vorkommt. Die Selbstmordrate unter Köchen ist in internationalen Studien überdurchschnittlich hoch.
Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) leiden in Deutschland rund 28 % der Beschäftigten in der Gastronomie unter mittelschwerem bis schwerem Stressniveau, das klinisch relevant ist. Ein Psychologe oder Psychiater kann helfen, chronischen Stress zu erkennen und zu behandeln, bevor er sich zur Erkrankung entwickelt.
Was Hobbyköche aus der Profiküche lernen können
Ali Güngörmüs' TV-Präsenz inspiriert viele Menschen, mehr zu Hause zu kochen. Doch auch Hobbyköche können unter Küchenunfällen, Überlastung beim Catering oder falscher Körperhaltung leiden. Folgende Maßnahmen helfen:
- Ergonomisches Küchenmesser und richtige Schneidetechnik reduzieren das Sehnenscheidenentzündungsrisiko
- Anti-Ermüdungsmatten beim Stehen vor dem Herd entlasten die Lendenwirbelsäule
- Regelmäßige Pausen alle 45 Minuten bei langen Kochsessions
- Hitzeschutz: Immer Topflappen verwenden, niemals feuchte Tücher auf heißen Oberflächen
- Bei hartnäckigen Handgelenksschmerzen: Einen Orthopäden oder Sportmediziner konsultieren
Wenn Leidenschaft zum Beruf wird: rechtliche Absicherung nicht vergessen
Wer als selbstständiger Koch, Caterer oder Food-Content-Creator tätig ist — wie viele Influencer nach dem Vorbild von Ali Güngörmüs —, sollte auch die rechtliche Seite nicht vergessen. Vertragsrecht für Kooperationen, Lebensmittelrecht und steuerliche Beratung für Freiberufler sind Bereiche, in denen ein Rechtsanwalt oder Steuerberater unverzichtbar ist.
Die Gastronomiebranche befindet sich im Wandel: Nachhaltigkeit, Digitalisierung und veränderte Konsumgewohnheiten verändern das Profil des Koch-Berufs. Wer gesund und rechtlich abgesichert arbeiten will, sollte professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen — ob Ernährungsberatung, Arbeitsmedizin oder Rechtsberatung.
Prävention statt Krankenstand: So schützen Köche ihre Gesundheit langfristig
In Deutschland verlieren Restaurants und Gastronomiebetriebe jährlich Millionen Euro durch krankheitsbedingte Ausfälle ihres Küchenpersonals. Rückenschmerzen und Muskel-Skelett-Erkrankungen sind nach Atemwegsinfektionen die zweithäufigste Ursache für Fehltage. Das muss nicht so sein.
Präventive Maßnahmen, die sich bewährt haben:
- Physiotherapie auf Krankenkassenrezept — viele gesetzliche Krankenkassen erstatten bis zu 20 Einheiten pro Jahr vollständig
- Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) — Arbeitgeber ab 20 Mitarbeitern sind verpflichtet, auf Gefährdungsbeurteilungen zu reagieren
- Ergonomie-Check am Arbeitsplatz durch einen Arbeitsmediziner — die Kosten übernimmt in der Regel der Arbeitgeber oder die Berufsgenossenschaft
- Ausgleichssport: Schwimmen und Yoga sind besonders rückenfreundlich und helfen, die durch einseitige Küchentätigkeit verkürzten Muskelketten zu dehnen
Wer als Koch in Deutschland angestellt ist, hat außerdem Anspruch auf regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen — das ist im Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) verankert. Diese Untersuchungen umfassen Hörtest, Sehtest, Blutdruckmessung und je nach Tätigkeit weitere spezifische Checks.
Ali Güngörmüs steht stellvertretend für eine Generation von Köchen, die den Beruf neu definieren — mit mehr Medienpräsenz, aber auch mit mehr Bewusstsein für Gesundheit und Work-Life-Balance. Sein Auftritt bei 3nach9 ist eine gute Gelegenheit, auch im eigenen Berufsleben innezuhalten und zu fragen: Wann habe ich zuletzt einen Arzt aufgesucht? Wann habe ich zuletzt auf meinen Körper gehört?
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder rechtliche Beratung.
