Auf Österreichs Straßen starben in der vergangenen Woche sieben Menschen – zwei Motorradlenker, zwei Pkw-Lenker, ein Mopedfahrer, ein Radfahrer und eine Fußgängerin. Vom 1. Jänner bis 20. September 2026 verloren vorläufig 260 Personen ihr Leben im Straßenverkehr, wie das Innenministerium in einer aktuellen Aussendung bestätigte. Diese Zahlen halten Österreich in Atem – und stellen eine Frage, die viele verdrängen: Was tun, wenn man als erste Person an einer Unfallstelle eintrifft?
Die Zahlen hinter dem Schlagwort „tot"
260 Verkehrstote bis zum 20. September 2026 – das sind zwar weniger als im Vergleichszeitraum 2025 (294 Tote) und 2024 (270 Tote), doch jede Zahl steht für ein Leben, das abrupt endete. Die vergangene Woche allein kostete sieben Österreicherinnen und Österreicher das Leben, darunter ein junger Motorradlenker in Niederösterreich sowie ein Fußgänger in Wien.
Was die Statistik nicht zeigt: die Dutzenden Ersthelfer, die zufällig am Unfallort waren, bevor Rettungskräfte eintrafen. Passantinnen, Lastkraftwagenfahrer, Radfahrer – Menschen ohne medizinische Ausbildung, die binnen Sekunden entscheiden müssen, wie sie helfen können. Laut dem Roten Kreuz Österreich ist jede zweite dieser Personen unsicher, was konkret zu tun ist. Das kostet Zeit – und manchmal Leben.
Die Goldene Stunde – das Zeitfenster, in dem rasche Erste Hilfe bei schweren Verletzungen die Überlebenschancen am stärksten verbessert – beginnt an der Unfallstelle, nicht in der Notaufnahme. Wer sie nicht kennt, verschenkt wertvolle Minuten.
Was Ersthelfer medizinisch richtig machen
Die ersten Minuten nach einem Unfall sind kritisch. Medizinische Fachleute unterscheiden dabei drei Kernhandlungen, die auch medizinischen Laien möglich und rechtlich sogar verpflichtend sind.
Bewusstsein prüfen – ohne zu bewegen. Viele Ersthelfer schütteln bewusstlose Personen reflexartig. Bei Verdacht auf Halswirbelverletzungen – die bei Auffahrunfällen häufig auftreten – kann das dauerhafte Lähmungen verursachen. Die richtige Methode: laut ansprechen, leicht auf die Schulter tippen. Reagiert die Person nicht, sofort 144 wählen.
Atemwege sichern ohne Halswirbel zu riskieren. Wenn jemand bewusstlos ist und nicht oder kaum atmet, müssen die Atemwege freigehalten werden. Ist eine Halswirbelverletzung möglich, empfehlen Notfallmediziner den Jaw-Thrust: Beide Hände werden hinter den Kieferwinkeln platziert, der Unterkiefer wird nach vorne gezogen – ohne den Kopf zu überstrecken.
Herzdruckmassage: Mut zur CPR. Laut Statistiken des Roten Kreuzes beginnt in Österreich nur jede zweite anwesende Person mit einer Laien-Reanimation. Dabei steigt die Überlebensrate bei plötzlichem Herzstillstand um bis zu 50 Prozent, wenn innerhalb der ersten vier Minuten mit CPR begonnen wird. 30 Druckmassagen (Tiefe: 5–6 cm, Frequenz: 100–120 pro Minute), dann 2 Atemspenden – dieser Rhythmus ist leicht zu merken und entscheidend.
Blutungen stillen ohne Verbandsmaterial. Ein gefaltetes Kleidungsstück, mit starkem Druck auf die Wunde gepresst, kann die entscheidenden Minuten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überbrücken. Tourniquet-Verbände aus dem Verbandskasten des eigenen Fahrzeugs sind in österreichischen Fahrzeugkästen seit 2022 gesetzlich vorgeschrieben.
Schockposition und Wärmeerhalt. Bei einem bewussten, verletzten Unfallopfer ohne Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung kann eine leichte Hochlagerung der Beine den Kreislauf stabilisieren. Bei Kälte oder Regen ist das Zudecken mit Decken oder Kleidungsstücken aus dem Fahrzeug ein einfacher, aber wirkungsvoller Schritt: Unterkühlung verschlechtert den Heilungsverlauf und erhöht das Schockrisiko deutlich. Wärmefolien (in vielen Verbandskästen enthalten) sind dabei besonders effektiv.
Ein konkretes Szenario: Was passiert wirklich, wenn Sie der Erste vor Ort sind
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Mittwoch, 7:45 Uhr, B1 Richtung Wien. Vor Ihnen verliert ein Pkw in einer Kurve die Kontrolle und prallt gegen eine Leitplanke. Der Fahrer – Mitte 30 – hängt bewusstlos im Sitz. Die Airbags sind ausgelöst, der Sicherheitsgurt hält ihn aufrecht. Sie sind die erste Person, die anhält.
Minute 1: Sie sichern die Unfallstelle ab – Warndreieck aufstellen, Warnblinker aktivieren, Warnweste anziehen. In Österreich sind alle Fahrzeuglenker nach § 94 StGB verpflichtet, Hilfe zu leisten – wer wegfährt, macht sich strafbar.
Minute 2: Sie rufen 144 an. Der Disponent fragt: Ort, Anzahl der Verletzten, erkennbare Verletzungsart. Die durchschnittliche Reaktionszeit des Notarzthubschraubers (Christophorus-Hubschrauber) beträgt in Niederösterreich 8 bis 14 Minuten – in dieser Zeit sind Sie allein verantwortlich.
Minuten 3–8: Der Fahrer atmet flach, aber regelmäßig. Sie wenden den Jaw-Thrust an und prüfen den Bewusstseinsstatus alle 30 Sekunden. Ein Defibrillator (AED) befindet sich, laut ÖAMTC-Daten, in einem Umkreis von 1,2 km an den meisten österreichischen Bundesstraßen – der 144-Disponent kann den nächsten Standort per Telefon mitteilen.
Wenn die Reanimation nötig wird: CPR-Zyklus starten (30 Druckmassagen, 2 Atemspenden), solange bis der Rettungsdienst übernimmt oder die Person selbstständig atmet. Studien zeigen: Wer 20 Minuten bis zum Eintreffen der Rettung durchhält, hat eine reale Chance auf Überleben des Opfers – vorausgesetzt, die CPR wurde korrekt durchgeführt.
Dieses Szenario zeigt: Wer in den letzten fünf Jahren keinen Erste-Hilfe-Kurs aufgefrischt hat, ist nicht vorbereitet. Das Rote Kreuz und der ÖAMTC bieten österreichweit Kurse ab 49 Euro an, Online-Auffrischungen dauern zwei Stunden.
Psychische Nachwirkungen: Wenn der Schock erst danach kommt
Nicht nur körperlich Verletzte brauchen Unterstützung. Zeugen schwerer Verkehrsunfälle entwickeln laut einer Studie der Medizinischen Universität Wien in bis zu 30 Prozent der Fälle Symptome einer akuten Belastungsstörung – Schlaflosigkeit, Flashbacks, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsprobleme.
Bleiben diese Symptome unbehandelt, kann sich innerhalb von vier Wochen eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Die Warnsignale: Wiederkehrende, ungewollte Erinnerungen an das Unfallgeschehen, aktive Vermeidung von Situationen oder Orten, die an den Unfall erinnern, sowie anhaltende Stimmungsveränderungen oder Gefühllosigkeit.
Besonders betroffen sind erfahrungsgemäß Berufskraftfahrer (statistisch häufig Zeugen schwerer Unfälle), Motorradfahrer sowie Menschen, die bereits frühere Traumata erlebt haben. Hinzu kommen Kinder und Jugendliche, die Unfälle miterleben – ihr Gehirn verarbeitet traumatische Reize anders als das Erwachsenengehirn, und die Symptome zeigen sich oft erst Wochen später, zum Beispiel als plötzliche Schul- oder Konzentrationsprobleme.
Der richtige Zeitpunkt für ein Arztgespräch: Sobald Symptome wie Schlaflosigkeit oder Flashbacks mehr als 10 bis 14 Tage nach dem Erlebnis anhalten. Hausärzte können eine erste Einschätzung vornehmen und bei Bedarf an Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin weiterleiten. In Österreich übernimmt die Sozialversicherung Erstgespräche bei niedergelassenen Vertragspsychiaterinnen und -psychiatern; in den meisten Bundesländern ist keine Überweisung erforderlich.
Die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) empfiehlt bei akutem Verdacht auf eine Belastungsstörung nach traumatischen Ereignissen keine sofortige Psychotherapie in den ersten 48 Stunden – stattdessen soziale Unterstützung, Ruhe und ärztliche Begleitung. Erst nach einer Stabilisierungsphase ist eine gezielte traumafokussierte Verhaltenstherapie sinnvoll. Wer in dieser frühen Phase Orientierung sucht, kann einen Mediziner online konsultieren, um die nächsten Schritte einzuordnen.
Wer nicht sicher ist, ob die eigenen Reaktionen nach einem Unfall noch „normal" sind, kann auch ein Erstgespräch mit einem Mediziner auf Expert Zoom nutzen – ohne Wartezeit und von zu Hause aus.
Was Sie jetzt konkret tun können
Sieben Tote in einer Woche auf österreichischen Straßen: Diese Zahl ist eine Erinnerung daran, dass Notfallsituationen jeden treffen können – als Opfer, aber auch als Ersthelfer. Wer vorbereitet sein möchte, sollte drei Schritte unternehmen:
- Erste-Hilfe-Kurs auffrischen. Rotes Kreuz und ÖAMTC bieten Kurse ab 49 Euro österreichweit an. Eine Auffrischung alle fünf Jahre ist zwar nicht gesetzlich verpflichtend, wird aber von medizinischen Fachgesellschaften und dem Bundesministerium für Inneres dringend empfohlen.
- Notruf 144 griffbereit haben. Moderne Fahrzeuge übertragen per eCall automatisch den Standort. Wer ein älteres Fahrzeug fährt, sollte eine Notfall-App mit Standortübertragung verwenden.
- Mit einem Arzt sprechen, wenn nach einem erlebten Unfall Symptome wie Schlaflosigkeit oder Flashbacks auftreten, die länger als zehn Tage anhalten. Frühe Intervention verhindert chronische PTBS.
Medizinische Fachleute auf Expert Zoom stehen für individuelle Fragen rund um Notfallmedizin, Erste Hilfe und psychische Nachsorge nach traumatischen Ereignissen zur Verfügung – unkompliziert, ohne langen Vorlauf.
Hinweis: Dieser Artikel dient zur allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei akuten gesundheitlichen Beschwerden wählen Sie sofort den Notruf 144.

Claudia Gruber