Mirjam Puchner vor Karriere-Entscheidung: Was Sportpsychologen über den Rücktritt aus dem Leistungssport sagen

Mirjam Puchner beim FIS Ski Weltcup 2017 in Garmisch-Partenkirchen

Photo : Stefan Brending (2eight) / Wikimedia

Claudia Claudia GruberGesundheit
4 Min. Lesezeit 11. Mai 2026

„Höre ich auf oder mache ich weiter?" – Mit diesen Worten wandte sich Mirjam Puchner am 11. Mai 2026 in einer emotionalen Instagram-Botschaft an ihre Fans. Die 33-jährige österreichische Speed-Skifahrerin, Olympia-Silbermedaillengewinnerin von Peking 2022 und WM-Silbermedaillengewinnerin 2025, denkt laut über ein mögliches Karriereende nach. Bis Anfang Juni will sie ihre Entscheidung treffen. Was sich hinter solchen Momenten verbirgt, wissen Sportpsychologinnen und -psychologen nur zu gut.

Puchners Worte – „zwischen Zweifel und Hoffnung, zwischen dem, was war, und dem, was noch kommen könnte" – klingen nicht nach einem leichtfertigen Entschluss. Sie klingen nach einer tiefen Identitätskrise, wie sie viele Leistungssportlerinnen und -sportler an der Schwelle zum Rücktritt erleben. Und sie zeigen: Die Entscheidung, den Spitzensport aufzugeben, ist weit mehr als eine berufliche Weichenstellung.

Wenn der Sport die Identität war

Für Athletinnen wie Mirjam Puchner beginnt das Training oft als Kind. Über Jahrzehnte wird die sportliche Identität zur dominierenden Selbstdefinition: „Ich bin Skirennfahrerin." Der Körper, der Tagesrhythmus, das soziale Umfeld, die Ziele – alles dreht sich um den Sport. Wenn diese Welt plötzlich zur Disposition steht, entsteht eine Leere, die für Außenstehende schwer nachzuvollziehen ist.

Sportpsychologen bezeichnen dieses Phänomen als athletische Identitätsdiffusion: Die Person weiß nicht mehr, wer sie ohne den Sport ist. Studien zeigen, dass bis zu 35 Prozent aller Leistungssportler nach dem Karriereende Symptome von Depressionen oder Angststörungen entwickeln – besonders dann, wenn der Rücktritt unfreiwillig, durch Verletzung oder nachlassende Leistungsfähigkeit ausgelöst wird.

Die psychologische Herausforderung: Kontrolle versus Loslassen

Das Paradoxe an Mirjam Puchners Situation: Sie entscheidet sich gerade in einem Moment, in dem sie körperlich und sportlich noch kompetitiv ist. Bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand/Cortina belegte sie Platz 11 in der Abfahrt. Das macht die Entscheidung aus psychologischer Sicht besonders schwer – denn es gibt keinen klaren externen Auslöser, der die Entscheidung abnimmt.

Wenn Athleten auf dem Zenit ihrer Möglichkeiten zurücktreten, stellt sich laut dem österreichischen Gesundheitsportal oesterreich.gv.at häufig die Frage nach dem Kontrollerleben: „Habe ich diesen Schritt gewählt, oder wurde ich dazu gezwungen?" Dieser Unterschied hat weitreichende psychologische Konsequenzen: Selbstgewählte Abschiede werden generell besser verarbeitet als erzwungene.

Fünf Herausforderungen beim Rücktritt aus dem Leistungssport

Sportpsychologen identifizieren wiederkehrende psychische Belastungspunkte, die Athleten wie Mirjam Puchner beim Karriereende bewältigen müssen:

  1. Identitätsverlust: Die Frage „Wer bin ich ohne Skifahren?" ist keine triviale. Die Arbeit mit einem Therapeuten hilft, neue Identitätspfeiler aufzubauen.
  2. Strukturverlust: Der strenge Tagesrhythmus des Profilebens fällt weg. Ohne Ersatzstrukturen entsteht schnell ein Gefühl von Orientierungslosigkeit.
  3. Soziales Netzwerk: Das Umfeld – Trainer, Teamkollegen, Betreuer – verändert sich nach dem Rücktritt grundlegend. Der Aufbau neuer sozialer Bindungen kostet Zeit und Energie.
  4. Verarbeitung von Erfolg und Misserfolg: Unerledigte emotionale Rechnungen aus der Karriere – Stürze, verpasste Medaillen, Verletzungen – können sich nach dem Rücktritt unverarbeitet zeigen.
  5. Zukunftsangst: Was kommt nach dem Sport? Viele Athleten fühlen sich für das „normale" Leben unprepared und empfinden den Übergang als Bedrohung statt als Chance.

Was die Forschung sagt: Der Übergang gelingt mit Vorbereitung

Die Sportwissenschaft zeigt deutlich: Wer den Abschied vom Leistungssport frühzeitig plant und psychologisch begleitet wird, erlebt ihn langfristig als positiven Wendepunkt. Entscheidend ist, dass Athleten während ihrer aktiven Karriere beginnen, eine Identität jenseits des Sports zu entwickeln – nicht erst danach.

Methoden, die laut aktueller Forschung wirksam sind:

  • Narrative Therapie: Die eigene Sportgeschichte als vollständige, abgeschlossene Erzählung verstehen, nicht als Abbruch
  • Werte-Arbeit: Was war mir am Sport wichtig – Disziplin, Teamgeist, Wettkampf? Wo finde ich diese Werte auch außerhalb des Sports?
  • Karriere-Transitions-Coaching: Spezialisierte Sportpsychologen begleiten den Übergang in neue Lebensabschnitte

Mirjam Puchners offene Kommunikation über ihre Zweifel ist aus sportpsychologischer Sicht ein gutes Zeichen: Wer reflektiert, entscheidet bewusster.

Wann ist psychologische Unterstützung sinnvoll?

Nicht jeder Sportler braucht professionelle Begleitung beim Karriereende. Doch es gibt klare Signale, dass externe Unterstützung hilfreich sein kann:

  • Andauernde emotionale Taubheit oder Leere nach dem Rücktritt
  • Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme über mehrere Wochen
  • Sozialer Rückzug und Verlust des Interesses an früheren Hobbys
  • Selbstzweifel, die sich auf andere Lebensbereiche ausdehnen
  • Schwierigkeiten, neue Ziele zu finden oder zu formulieren

Auf ExpertZoom finden Sie in Österreich spezialisierte Psychologinnen und Psychologen, die Erfahrung mit sportbezogenen Karriere-Transitionen haben – diskret, unkompliziert und auf Ihre individuelle Situation abgestimmt.

Was nach dem Sport kommt: Neue Rollen, neue Stärken

Viele ehemalige Leistungssportler berichten im Rückblick, dass der Abschied vom Profisport der schwierigste – und gleichzeitig befreiendste – Schritt ihres Lebens war. Die Disziplin, die Frustrationstoleranz, die Fähigkeit, unter Druck Entscheidungen zu treffen: Das sind Kompetenzen, die im Sport hart erarbeitet wurden und sich in vielen Berufsfeldern als außerordentlich wertvoll erweisen.

Österreichische Ex-Athleten sind heute als Trainer, Unternehmer, Kommentatoren und Berater tätig. Manche finden im Ehrenamt oder in der Nachwuchsförderung eine neue Bestimmung. Die Frage ist nicht, ob es nach dem Sport ein erfülltes Leben gibt – die Frage ist, wie man den Übergang aktiv gestaltet statt passiv erleidet.

Mirjams Entscheidung als Spiegel für viele

Die Frage, die sich Mirjam Puchner bis Anfang Juni 2026 beantworten will, kennen nicht nur Profisportler. Jeder Mensch, der intensiv in einen Beruf oder eine Lebensphase investiert hat, kommt irgendwann an diesen Punkt. Höre ich auf oder mache ich weiter? Welcher Teil von mir ist noch ich, und welcher ist einfach Gewohnheit?

Dass eine österreichische Olympia-Medaillengewinnerin diese Frage offen stellt, macht sie nicht schwächer – sondern menschlicher. Und zeigt, dass psychologische Reflexion keine Ausnahme für Krisensituationen ist, sondern Teil eines gesunden Umgangs mit großen Lebensübergängen – im Sport wie im Alltag.


Hinweis: Dieser Artikel informiert allgemein über sportpsychologische Aspekte von Karriereübergängen. Er ersetzt keine individuelle psychologische Beratung oder Therapie.

Unsere Experten

Vorteile

Schnelle und präzise Antworten auf alle Ihre Fragen und Hilfsanfragen in über 200 Kategorien.

Tausende von Nutzern haben eine Zufriedenheit von 4,9 von 5 für die Beratung und Empfehlungen unserer Assistenten erhalten.

Kontaktieren Sie uns

E-Mail
Folgen Sie uns