Jurij Rodionov steht am 22. Mai 2026 im Hauptfeld der French Open in Paris – nach zwei überzeugenden Qualifikationssiegen, darunter ein 6:2, 7:5 gegen Dusan Lajovic. Für den österreichischen Tennisspieler (Jahrgang 1999, ATP-Ranking: ca. 160) ist die Roland-Garros-Teilnahme ein Meilenstein einer Saison mit beeindruckender 20:11-Bilanz, Challenger-Siegen in Noumea und Madrid und einem verdienten Hauptfeld-Platz. Doch hinter den Ergebnissen steckt eine Frage, über die kaum gesprochen wird: Was bedeutet ein Grand-Slam-Auftritt finanziell wirklich für einen Spieler jenseits der Top 100?
Preisgeld bei Roland Garros: Mehr als nur eine Zahl
Das Gesamtpreisgeld der French Open 2026 liegt bei rund 53 Millionen Euro. Doch die Verteilung ist extrem ungleich. Während die Halbfinalisten und Sieger Millionen einstreichen, erhält ein Erstrundenausscheidender im Hauptfeld laut ATP-Richtlinien etwa 65.000 bis 75.000 Euro brutto.
Klingt nach viel – ist es aber nicht, wenn man die Kosten des Profi-Tennis kennt. Rodionov und vergleichbare Spieler im Ranking-Bereich 100–200 tragen in der Regel alle Reisekosten, Unterkunft, Trainergehalt und medizinische Betreuung selbst. Die monatlichen Betriebskosten einer Tennis-Profikarriere in diesem Bereich belaufen sich laut Schätzungen des ATP-Spielerverbands auf 50.000 bis 80.000 Euro pro Jahr.
Und: Von den 65.000 Euro brutto aus einem Roland-Garros-Erstrunden-Exit bleiben nach Steuern und Managementgebühren (üblich: 10–20 Prozent) oft weniger als 40.000 Euro netto. Ein einzelnes Grand-Slam-Turnier finanziert bei weitem keine ganze Saison.
Was ein Vermögensberater einem jungen Profi empfehlen würde
Österreichische Vermögensberater, die Leistungssportler betreuen, kennen das Dilemma: Einnahmen kommen unregelmäßig, sind abhängig von sportlichem Erfolg und können durch Verletzungen plötzlich wegbrechen. Die Herausforderung ist vergleichbar mit der Situation von Selbstständigen oder Freiberuflern – allerdings mit einem zusätzlichen Karriere-Zeithorizont von oft nur 10 bis 15 aktiven Jahren.
Empfehlungen, die für Profi-Sportler in Rodionovs Karrierephase besonders relevant sind:
Steueroptimierung von Beginn an: Preisgelder unterliegen in Österreich der Einkommensteuer. Profisportler gelten steuerlich als Selbstständige – gemäß den Regelungen des österreichischen Bundesministeriums für Finanzen (bmf.gv.at/themen/steuern) müssen Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit im Inland und aus dem Ausland vollständig versteuert werden. Wer frühzeitig eine sinnvolle Unternehmensstruktur aufbaut – etwa als GmbH –, kann Betriebsausgaben wie Ausrüstung, Reisekosten und Trainerhonorare effizient absetzen.
Diversifizierung der Einnahmen: Preisgeld allein reicht selten. Sponsoringverträge, Exhibitionsevents und Akademie-Kooperationen sind wichtige Einnahmequellen, die langfristig geplant werden sollten. Gerade ein Roland-Garros-Auftritt erhöht die Sichtbarkeit – und damit den Marktwert für Sponsoren erheblich.
Altersvorsorge nicht vergessen: Anders als Angestellte zahlen Profi-Sportler nicht automatisch in die staatliche Pensionsversicherung ein. Eine private Vorsorge ist unverzichtbar, sollte aber bereits in jungen Jahren aufgebaut werden. Viele Profi-Sportler unterschätzen diesen Aspekt und stehen nach dem Karriereende vor einem finanziellen Vakuum.
Ranking-Punkte: Das eigentliche Kapital
Für Rodionov und Spieler in seiner Position sind die Ranking-Punkte eines Grand-Slam-Hauptfeldes oft wertvoller als das Preisgeld selbst. Eine Zweite-Runde-Teilnahme bei Roland Garros bringt ATP-Punkte, die das Jahresranking entscheidend verbessern und die Grundlage für direkte Starts in weiteren Turnieren ohne Qualifikationsrunden bilden.
Höheres Ranking bedeutet direkte Akzeptanz in ATP-500- oder ATP-1000-Turnieren – und damit Zugang zu deutlich höheren Preisgeldern. Ein Aufstieg von Rang 160 auf Rang 80 kann die jährlichen Einnahmen mehr als verdoppeln. Der Sprung in die Top 100 öffnet eine andere Dimension der Vermarktung.
„Das Ranking ist das Betriebskapital eines Profi-Tennisspielers", beschreiben Sportökonomen die enge Verbindung zwischen ATP-Punkten und kommerziellen Möglichkeiten. Jeder Punkt auf der Tour ist deshalb nicht nur sportlich, sondern auch ökonomisch relevant – und sollte in die finanzielle Jahresplanung einbezogen werden.
Sponsoring und der Roland-Garros-Effekt
Ein oft unterschätzter Faktor: Medienpräsenz bei einem Grand Slam. Selbst eine Erstrundenpartie bei Roland Garros wird weltweit gestreamt und in Sportmedien kommentiert. Für Spieler wie Rodionov, der in Österreich bereits eine treue Fangemeinde aufgebaut hat, kann dieser Moment die Tür für neue Sponsoringverträge öffnen.
Österreichische Unternehmen investieren gerne in heimische Sporttopics – vor allem, wenn die Person bei einem globalen Event vertreten ist. Die Kombination aus sportlichem Erfolg und medialer Reichweite ist für Sponsoren wertvoller als reine Spielstatistiken. Für Rodionov könnte der French-Open-Auftritt also weit mehr als nur Preisgeld einbringen.
Wichtig dabei: Sponsoringverträge sollten immer mit einem Rechtsanwalt und einem Steuerberater abgestimmt werden. Was auf den ersten Blick wie eine einfache Partnerschaft aussieht, kann komplexe steuerliche oder haftungsrechtliche Konsequenzen haben.
Was Eltern talentierter Nachwuchsspieler lernen können
Die finanzielle Komplexität einer Profi-Karriere im Tennis ist eine wichtige Lektion – nicht nur für Profis, sondern auch für Eltern aufstrebender Talente. Frühzeitige Planung, transparente Einnahmen-Kosten-Analysen und professionelle Beratung entscheiden oft darüber, ob eine Karriere realistisch umsetzbar ist oder frühzeitig an finanziellen Grenzen scheitert.
Viele Familien investieren erheblich in Nachwuchsspieler: Trainerstunden, Turnierreisen, Ausrüstung. Eine seriöse Finanzplanung, die Szenarien für unterschiedliche Karriereverläufe durchspielt, schützt vor bösen Überraschungen – unabhängig davon, ob der Weg zu einem Grand Slam führt oder nicht.
Rodionovs Erfolgsgeschichte – Challenger-Siege, starke Saison-Bilanz und jetzt Roland Garros – zeigt, dass österreichische Tennisspieler international konkurrenzfähig sind. Wer solche Karrierewege langfristig absichern möchte, sollte frühzeitig auf unabhängige Finanz- und Rechtsberatung setzen.
ExpertZoom verbindet österreichische Sportler und Familien mit qualifizierten Vermögensberatern und Juristen, die die Besonderheiten des Sportbetriebs kennen und konkrete Lösungen für die Karriereplanung anbieten.
Hinweis: Dieser Artikel dient allgemeiner Information und ersetzt keine individuelle Finanz- oder Steuerberatung. Bei konkreten Fragen wenden Sie sich an einen qualifizierten Vermögensberater oder Steuerberater.

Markus Weber