Aurélie aus Pulheim und Ibo wurden am 28. Mai 2026 zu Germany's Next Topmodel gekürt – als erstes Doppelfinale für Frauen und Männer und erstmals außerhalb Deutschlands, in Los Angeles. Jede der beiden Gewinnerinnen und Gewinner erhält 100.000 Euro Preisgeld sowie ein Cover der deutschen Harper's Bazaar.
Für viele Zuseherinnen und Zuseher in Österreich klingt das nach einem Lottogewinn. Doch wer 100.000 Euro aus einer TV-Show, einem Werbedeal oder einem Castingformat erhält, sieht von dieser Summe oft nur die Hälfte – ohne professionelle Beratung sogar deutlich weniger. Ein Wirtschaftsprüfer und ein Vermögensberater können bei solchen Konstellationen den Unterschied zwischen einem soliden Vermögensaufbau und einer bösen Überraschung mit dem Finanzamt ausmachen.
Was Aurélie und Ibo netto behalten
Das offizielle Preisgeld der ProSieben-Show beträgt laut Produktion 100.000 Euro pro Gewinnerin bzw. Gewinner. Anders als bei einer Lotterie, deren Gewinne in Österreich steuerfrei bleiben, gelten TV-Preisgelder, die für eine messbare Leistung gezahlt werden, als Einkünfte aus Gewerbebetrieb oder als sonstige Einkünfte nach § 29 EStG.
Konkret heißt das: Wer in Österreich seinen Wohnsitz hat und ein vergleichbares Format gewinnt, muss die volle Summe in der Einkommensteuererklärung angeben. Bei einem Spitzensteuersatz von 50 Prozent für Einkommen über 99.266 Euro im Jahr 2026 bleiben aus 100.000 Euro Brutto im ungünstigsten Fall nur rund 50.000 Euro netto übrig. Hinzu kommen Sozialversicherungsbeiträge, wenn das Preisgeld als gewerbliche Tätigkeit eingestuft wird – das ist bei Models und Schauspielerinnen die Regel.
"TV-Preisgelder werden steuerlich behandelt wie ein Werkvertrag", erklären Steuerberater regelmäßig in Beratungssituationen. Wer die Show als selbstständige Modeltätigkeit ausübt – und genau das tun die GNTM-Finalistinnen vertraglich – fällt unter die Regeln der Einkünfte aus selbstständiger Arbeit oder Gewerbebetrieb.
Vier Steuerfallen, die jeder Preisgeldgewinner kennen sollte
Auf gesetzliche Grundlagen zur Einkommensteuer verweisen Vermögensberater bei jedem Beratungsgespräch zu größeren Einmalzahlungen. Vier Fallen treten besonders häufig auf.
Falle 1: Auslandseinkünfte. Das Finale fand in den USA statt, das Preisgeld wurde von einer deutschen Produktionsfirma ausgezahlt. Für österreichische Steuerpflichtige greift das Welteinkommensprinzip: Einkommen, das im Ausland erzielt wird, ist in Österreich grundsätzlich steuerpflichtig. Das Doppelbesteuerungsabkommen Österreich-Deutschland verhindert zwar eine doppelte Belastung, doch die Mitteilungspflicht bleibt – und die Anrechnungsmethode kann komplex sein.
Falle 2: Vorauszahlungen. Wer ein hohes Einmaleinkommen erzielt, wird im Folgejahr zu Einkommensteuervorauszahlungen herangezogen, die sich am Vorjahreseinkommen orientieren. Ein Modelvertrag, der 2026 100.000 Euro bringt, kann 2027 Vorauszahlungen von rund 35.000 Euro auslösen – auch wenn das Einkommen längst auf normalem Niveau liegt.
Falle 3: Sachbezüge. Das Harper's-Bazaar-Cover, Werbedeals, Reisen, Outfits aus der Show – all das sind potenziell steuerpflichtige geldwerte Vorteile. Die Bewertung erfolgt zu Marktpreisen und nicht zum Selbstkostenpreis der Produktion.
Falle 4: Selbstständigen-Sozialversicherung. Modeleinkünfte fallen in der Regel unter die gewerbliche Sozialversicherung (SVS). Die Mindestbeitragsgrundlage 2026 liegt bei rund 6.613 Euro, der Höchstbeitrag ist gedeckelt – ein 100.000-Euro-Jahr löst aber automatisch eine Nachzahlung im Folgejahr aus.
Was tun mit dem Preisgeld? Drei Strategien aus der Praxis
Sobald die Steuerlast geklärt ist – realistisch betrachtet bleiben einer Gewinnerin in Österreich etwa 45.000 bis 55.000 Euro netto –, beginnt die eigentliche Vermögensplanung. Drei Strategien dominieren die Praxis von Vermögensberatern bei jungen Klientinnen mit Einmaleinkommen aus kreativen Berufen.
Erstens: Liquiditätsreserve. Mindestens sechs Monatsausgaben sollten auf einem Tagesgeldkonto liegen, bevor weitere Schritte folgen. Für eine Mittzwanzigerin in Wien sind das je nach Lebensstandard 12.000 bis 20.000 Euro.
Zweitens: Steuerrücklage. Wer ein Spitzenjahr hatte, sollte einen Teil der Brutto-Einnahmen unangerührt lassen, bis die endgültige Einkommensteuerveranlagung kommt. Faustregel in der Beratung: 40 Prozent zur Seite legen, bis das Finanzamt den Bescheid ausstellt.
Drittens: Langfristiger Vermögensaufbau. Erst danach folgt die Frage nach ETF-Sparplan, Vorsorgewohnung oder unternehmerischer Investition. Bei Models gilt zusätzlich: Das Berufseinkommen ist volatil. Eine zweite Einkommensquelle – ob Markenkooperationen, Eigenlabel oder Studium – schützt vor späterer Altersarmut.
Wann sich der Termin beim Experten lohnt
Hinweis: Diese Informationen ersetzen keine individuelle Steuer- oder Vermögensberatung. Die konkrete Behandlung von Preisgeldern hängt vom Vertrag, vom Wohnsitz und von der gewerblichen Einstufung ab.
Für österreichische Models, Influencerinnen und Castingshow-Teilnehmerinnen ist der Gang zur Steuerberatung kein Luxus, sondern Pflichtprogramm. Empfohlen wird das Erstgespräch spätestens dann, wenn die Vertragsverhandlung läuft – nicht erst, wenn das Geld auf dem Konto landet. Steuerberater bewerten die Vertragsklauseln, klären die Frage nach Werkvertrag oder Anstellung und kalkulieren die zu erwartende Steuerlast inklusive Sozialversicherung.
Vermögensberater übernehmen die nachgelagerte Planung: Liquidität, Vorsorge, Anlagestrategie. Wer beide Disziplinen kombiniert, vermeidet, dass aus einem 100.000-Euro-Triumph nach drei Jahren eine Nachzahlungsforderung wird.
Auch wer kein Preisgeld gewinnt, kann von den Lehren aus dem GNTM-Finale profitieren. Bonuszahlungen, Abfindungen und unerwartete Erbschaften folgen denselben steuerlichen Regeln wie ein Castingshow-Sieg. Wer die Spielregeln kennt, behält am Ende mehr in der eigenen Tasche – ob in Pulheim, Wien oder Los Angeles.
Lehren für österreichische Influencerinnen und Kreative
Der GNTM-Sieg von Aurélie und Ibo wird in den kommenden Wochen erwartbar weitere Werbekampagnen, Kooperationsangebote und Auftritte nach sich ziehen – Markenkooperationen, die in der Branche schnell sechsstellige Folgeumsätze auslösen. Für österreichische Kreative, die ähnliche Karrierewege gehen, ist das ein Lehrbuchbeispiel: Das Preisgeld ist nicht das eigentliche Geschäft, sondern die Eintrittskarte zu einem Jahr voller Vertragsverhandlungen.
In Wien und anderen Landeshauptstädten ist die Zahl spezialisierter Steuer- und Vermögensberater für Künstler, Models und Content-Creator in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Wer früh den richtigen Ansprechpartner findet, spart später Nerven, Geld und Konflikte mit der Finanz. Wichtig dabei: Die Wahl der Rechtsform – Einzelunternehmen, GmbH oder Holding-Struktur – sollte vor dem ersten großen Vertrag geklärt sein, nicht danach.
Eines steht fest: Die 100.000 Euro für Aurélie und Ibo sind nur der erste Schritt einer langen Karriereplanung. Wer aus diesem Moment ein finanziell tragfähiges Lebensmodell formt, hat das eigentliche Finale gewonnen.

Markus Weber