Die interaktive Radon-Risikolandkarte von GeoSphere Austria, basierend auf rund 50.000 Messungen quer durch das Bundesgebiet, macht eine stille Gefahr sichtbar: In mehr als 104 österreichischen Gemeinden gilt das Risiko erhöhter Radonkonzentrationen in Gebäuden als so hoch, dass sie offiziell als Radon-Schutzgebiete eingestuft wurden. Wer in einer dieser Regionen lebt, schläft, arbeitet – und seinen Keller regelmäßig nutzt – sitzt möglicherweise Jahrzehnte lang neben einem unsichtbaren Lungenkrebsrisiko, ohne es zu wissen. Das Tückische: Es gibt keine Warnsignale, keine Symptome, keinen Geruch. Und genau das macht Radon so gefährlich – es tötet langsam und lautlos, während die meisten Österreicher glauben, in den eigenen vier Wänden sicher zu sein.
Was GeoSphere Austria über Radon in Österreich weiß – und was die Karte zeigt
GeoSphere Austria ist seit 2023 die nationale Anstalt für Geophysik, Geologie, Klimatologie und Meteorologie – hervorgegangen aus der Fusion der traditionsreichen ZAMG mit der Geologischen Bundesanstalt. Neben Erdbebenwarnungen und Wetterprognosen ist eine der zentralen Aufgaben die systematische Erfassung geophysikalischer Risiken, darunter Radon.
Radon ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Edelgas, das beim Zerfall von Uran und Thorium im Gestein und Erdreich entsteht. Es ist geruchlos, farblos und geschmacklos – für menschliche Sinne schlicht nicht wahrnehmbar. Über Risse im Fundament, undichte Kellerböden, Rohrdurchführungen und poröse Bausubstanz dringt es in Gebäude ein. In schlecht belüfteten Untergeschossen und Kellern kann es sich auf Werte ansammeln, die das Mehrfache des österreichischen Referenzwertes von 300 Becquerel pro Kubikmeter Luft (Bq/m³) erreichen.
Die GeoSphere-Austria-Karte zeigt auf Basis von rund 50.000 Radonmessungen – eine der dichtesten Messkampagnen in ganz Europa – österreichweit, wie hoch das Radonpotenzial in verschiedenen Gebieten ist. Geologisch besonders kritisch sind Regionen mit Granit- und Gneisgestein: das Mühl- und Waldviertel, Teile der Steiermark und des südlichen Burgenlandes. Das Gestein dort enthält von Natur aus erhöhte Urankonzentrationen, was zu einer höheren Radonproduktion im Untergrund führt. Per Postleitzahl-Abfrage auf der offiziellen Radon-Risikolandkarte des Bundesministeriums für Klimaschutz können Hausbesitzer ihren Standort in wenigen Minuten einordnen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt einen Richtwert von 100 Bq/m³ – deutlich strenger als der österreichische gesetzliche Referenzwert. Schon ab 150 Bq/m³ ist laut wissenschaftlichen Studien ein statistisch signifikantes zusätzliches Krebsrisiko nachweisbar. In Österreich werden nach Schätzungen des Bundesministeriums für Klimaschutz rund 400 Lungenkrebsfälle pro Jahr ursächlich auf Radonexposition zurückgeführt – das entspricht etwa zehn Prozent aller Lungenkrebsneuerkrankungen im Land.
Was Mediziner zum Radon-Risiko sagen: Die tückische Stille des Gases
Für Lungenfachärzte und Allgemeinmediziner, die regelmäßig Patienten aus ländlichen Regionen Österreichs behandeln, ist Radon ein chronisch unterschätztes Thema. Der Grund liegt in der Natur der Erkrankung selbst: Radon löst keine akuten Beschwerden aus. Es gibt keinen Reizhusten, keinen Schwindel, kein Kratzen in der Kehle als Frühwarnsignal. Stattdessen greift das Gas über Jahrzehnte hinweg still die Schleimhautzellen der Bronchien an – bis irgendwann, oft erst nach 15 bis 30 Jahren, ein Tumor entsteht.
Wer täglich oder über viele Stunden in radonbelasteten Kellerräumen arbeitet, bastelt oder lagert, akkumuliert kontinuierlich Strahlenbelastung, ohne es zu merken. Besonders brisant: Tabakraucher mit gleichzeitiger Radonexposition haben ein dramatisch erhöhtes Risiko. Die beiden Karzinogene wirken synergistisch – ihr kombiniertes Risiko ist nicht die Summe, sondern ein Vielfaches der Einzelrisiken.
Mediziner raten daher: Wer in einer radonintensiven Region wohnt, sollte nicht auf Symptome warten. Sinnvoll ist eine ärztliche Beratung insbesondere dann, wenn:
- Die PLZ-Abfrage ein erhöhtes Radonpotenzial ergibt
- Das Gebäude vor 1990 errichtet wurde und keine Kellersanierung stattfand
- Keller- oder Erdgeschossräume regelmäßig über mehrere Stunden täglich genutzt werden
- Anhaltender Husten oder Atemnot länger als drei Wochen bestehen – auch wenn diese Symptome unspezifisch erscheinen
Eine frühzeitige bildgebende Diagnose, zum Beispiel per Low-Dose-CT der Lunge, kann bei Hochrisikopersonen lebensrettend sein. Die Fünfjahres-Überlebensrate bei Lungenkrebs liegt in Österreich laut Statistik Austria bei rund 15 bis 20 Prozent – weit unter dem Durchschnitt anderer Krebsarten, weil die Diagnose häufig zu spät erfolgt.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Bei Gesundheitsfragen oder Symptomen wenden Sie sich bitte an eine qualifizierte Fachkraft.
Harald aus Freistadt: Was eine fehlende Radonmessung konkret kosten kann
Nehmen wir Harald B., 54 Jahre, Eigenheimbesitzer in Freistadt im Bezirk Freistadt, Oberösterreich. Das Haus wurde 1977 erbaut. Der Keller – typische Bausubstanz jener Zeit, ohne nachträgliche Abdichtung – dient als Heimwerkstatt. Harald verbringt dort täglich rund drei Stunden.
Freistadt liegt im Mühlviertel, einer der geologisch bekanntesten Radonrisikoregionen Österreichs. Die GeoSphere-Austria-Karte zeigt für seine PLZ ein erhöhtes Radonpotenzial an. Vergleichsmessungen in ähnlichen Altbauten der Region haben in der Vergangenheit regelmäßig Werte zwischen 500 und 1.100 Bq/m³ im Kellergeschoss ergeben – das sind 1,7- bis 3,7-mal der österreichische Referenzwert.
Szenario A – keine Messung, keine Sanierung: Bei einer angenommenen Radonkonzentration von 800 Bq/m³ im Keller und einem täglichen Aufenthalt von drei Stunden über zehn Jahre akkumuliert Harald eine rechnerische Strahlendosis, die laut European Lung Foundation sein statistisches Lungenkrebsrisiko um etwa 15 bis 20 Prozent gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt erhöht. Tritt tatsächlich ein Lungenkarzinom auf, liegen die medizinischen Behandlungskosten in Österreich – abhängig von Stadium und Therapieform – zwischen 35.000 und 80.000 Euro bei einem operativen Eingriff, zuzüglich Chemo- und Strahlentherapie sowie Einkommensverlust durch Arbeitsunfähigkeit. Der immaterielle Preis – Lebensqualität, Familienbelastung, psychischer Stress – kommt noch dazu.
Szenario B – kostenlose AGES-Messung und Sanierung: Die Österreichische Fachstelle für Radon bei AGES bietet in vielen Gemeinden und Radon-Schutzgebieten kostenlose Langzeitmessungen (Dauer: drei bis zwölf Monate) für private Haushalte an. Haralds Ausgaben für die Messung: null Euro. Das Ergebnis liegt nach der Messperiode vor.
Zeigt es einen Wert über 300 Bq/m³, folgt eine Sanierungsempfehlung. In einem Altbau wie Haralds kostet ein passives Druckentlastungssystem unter der Bodenplatte kombiniert mit einer verbesserten Kellerbelüftung in der Regel zwischen 800 und 1.500 Euro – je nach Keller- und Fundamentkonstruktion. Nach einer solchen Sanierung sinkt die Radonkonzentration in vergleichbaren Gebäuden typischerweise auf unter 200 Bq/m³. Haralds statistisches Zusatzrisiko fällt damit auf ein vernachlässigbares Niveau.
Die Rechnung ist eindeutig: 800 bis 1.500 Euro Investition – oder ein potenziell lebensveränderndes Gesundheitsrisiko. Die Entscheidung wird einfach, wenn man weiß, was auf dem Spiel steht.
Ähnliche Überlegungen gelten auch für andere Bau- und Wohnrisiken. Wer seinen Keller saniert oder umbaut, sollte beim Thema Gesundheitsschutz keine halben Sachen machen – die Parallelen zu anderen Belastungsstoffen im Gebäude zeigt auch unser Artikel zu Baustaub und Schadstoffrisiken bei österreichischen Hausbesitzern.
Was Hausbesitzer in Österreich jetzt konkret tun sollten
Schritt 1: Risikozone prüfen. Per PLZ-Abfrage auf der offiziellen Radon-Risikolandkarte (bundesministerium.gv.at oder direkt über geosphere.at) lässt sich in wenigen Minuten feststellen, ob der eigene Wohnort im erhöhten Risikobereich liegt.
Schritt 2: Messung beauftragen. In förderfähigen Gemeinden und offiziellen Schutzgebieten sind kostenlose Langzeitmessungen über AGES möglich. In anderen Gebieten können Messgeräte beim Bundesministerium angefragt oder über zertifizierte Anbieter bezogen werden. Die Kosten einer privat beauftragten Messung liegen in der Regel zwischen 50 und 150 Euro.
Schritt 3: Kellerräume und Belüftung prüfen. Radon sammelt sich bevorzugt in untersten Stockwerken und schlecht belüfteten Kellern. Sichtbare Risse im Fundament, poröse Böden und undichte Rohrdurchführungen sind typische Eintrittspforten. Regelmäßiges Querlüften im Keller kann Radonkonzentrationen vorübergehend reduzieren – ersetzt jedoch keine strukturelle Sanierung bei dauerhaft erhöhten Werten.
Schritt 4: Bei Unsicherheit ärztliche Beratung suchen. Wer in einem Radongebiet wohnt und regelmäßig Zeit im Keller verbringt – oder gar anhaltenden Husten oder Atembeschwerden hat –, sollte das Gespräch mit einem Allgemeinmediziner oder Pneumologen suchen. Auf Expert Zoom finden Sie qualifizierte Ärzte in Ihrer Nähe, die Sie zu individuellen Risikofaktoren und Vorsorgeuntersuchungen beraten können.
GeoSphere Austria hat das Radon-Risiko in Österreich mit Präzision kartiert. Die nächste Entscheidung liegt bei den Hausbesitzern selbst.

Claudia Gruber