Tod auf dem Brienzergrat: Was österreichische Wanderer aus dem Schweizer Unfall lernen müssen

Blick auf den Brienzergrat in den Schweizer Emmentaler Alpen

Photo : Havardtl / Wikimedia

Lukas Lukas GruberAllgemein
4 Min. Lesezeit 8. Juni 2026

Die sterblichen Überreste der 26-jährigen Abrar, die seit Anfang Mai 2026 auf dem Brienzergrat in der Schweiz vermisst wurde, wurden am 5. Juni 2026 gefunden. Die Kantonspolizei Bern geht von einem Unfall aus. Die junge Frau hatte vom Harderkulm in Richtung Augstmatthorn wandern wollen und den exponierten Grat nie verlassen.

Der Brienzergrat gehört zu den beliebtesten Höhenwanderungen der Alpen, zieht aber auch jährlich Tausende österreichische Touristen an. Für das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) ist der Fall ein alarmierendes Signal: Auch erfahrene Wanderer unterschätzen die Gefahren exponierter Gratwege.

Was auf dem Brienzergrat geschah

Abrar startete ihre Tour auf dem Weg zwischen Harderkulm und Augstmatthorn. Der Brienzergrat gilt als technisch anspruchsvoll, mit Abschnitten der Schwierigkeit T5. Teile des Pfades sind unbewacht und führen über schmale Grate, bei denen es auf beiden Seiten steil abfällt. Bergführer Johann Kaufmann von der Alpine Rettung Schweiz warnt eindringlich vor feuchtem Wetter, steilen Abhängen und ungeeignetem Schuhwerk. Besonders im Frühling können Schneefelder die Rutschgefahr zusätzlich erhöhen.

Die Suche dauerte mehr als vier Wochen. Erst eine koordinierte Suchaktion am 5. Juni brachte Gewissheit. Für viele österreichische Wanderer, die den Grat ebenfalls auf ihrer Wunschliste haben, stellt sich nun die Frage: Wie lässt sich ein solches Schicksal vermeiden?

Österreichische Wanderer in fremden Bergen

Der Brienzergrat liegt in der Schweiz, doch die Gefahren sind für österreichische Alpinisten dieselben. Laut ÖKAS wurden im Bergsommer 2023 in Österreich 3.936 Alpinunfälle mit 4.802 Verunfallten registriert. 147 Menschen kamen dabei ums Leben. Im Vergleich zum 10-Jahresmittel bedeutet das einen Anstieg der Verunfallten um 28 Prozent. Im Zeitraum Mai bis Juli 2025 stieg die Zahl der Verletzten in den Sommer-Bergsportdisziplinen erneut um rund 10 Prozent.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Tirol: Dort verdoppelte sich die Zahl der tödlich Verunglückten im Sommer 2025 im Vergleich zum Vorjahr. Der Abstieg erwies sich dabei als besonders gefährlich. Jörg Randl, Leiter der Abteilung Bergsport im Österreichischen Alpenverein (ÖAV), erklärt: „Der Abstieg ist teilweise anspruchsvoller als der Aufstieg. Nach langen Touren lässt die Konzentration nach – genau dann passieren die meisten Fehler.“

Österreich verfügt mit der Bergrettung über eines der besten alpine Rettungssysteme weltweit. Dennoch kann keine Rettungshubschrauber-Mannschaft einen Sturz auf einem schmalen Grat verhindern. Die Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen, bevor er den ersten Schritt in die Steilwand setzt.

Die häufigsten Unfallursachen im Überblick

Stürze und Abstürze bleiben die häufigste Ursache für Bergnotfälle. Laut der Schweizer SAC-Statistik für 2025 führten beim Bergwandern 39 Prozent der Notfälle auf einen Sturz zurück, 35 Prozent auf Blockierung oder Erschöpfung. Auffällig ist, dass immer mehr Menschen unverletzt gerettet werden müssen – ein Zeichen dafür, dass viele ihre Touren unterschätzen.

Auf dem Brienzergrat kommen weitere Risiken hinzu: Die Route verläuft teilweise auf unmarkierten Pfaden, bietet kaum Ausweichmöglichkeiten und ist bei Wind oder Nässe extrem rutschig. Wer hier unterschätzt, hat keine zweite Chance. Der Grat verzeiht keine Fehler. Im Frühsommer 2026 liegen auf schattigen Nordhängen noch Schneefelder, die selbst erfahrene Berggänger überraschen können.

Fünf Sicherheitsregeln, die österreichische Experten empfehlen

Erstens: Die richtige Tourenplanung. Wer in die Berge geht, muss die Strecke im Voraus genau kennen. Distanz, Höhenmeter, Schwierigkeitsgrad und Wetterlage gehören zur Pflichtausstattung jedes Wanderers. Der ÖAV empfiehlt, bei Touren ab T3 erste Erfahrung an weniger exponierten Routen zu sammeln. Karten, Touren-Apps und aktuelle Wetterberichte sind dabei unverzichtbar.

Zweitens: Früher starten. Viele Unfälle passieren, weil Wanderer gegen Nachmittag in Gewitter oder Nebel geraten. Wer um 6 Uhr morgens startet, hat mehr Puffer für unvorhergesehene Verzögerungen. Auf dem Brienzergrat beträgt die reine Gehzeit sieben bis zehn Stunden – ohne Pausen.

Drittens: Die passende Ausrüstung. Wanderschuhe mit profilierter Sohle sind auf Gratwegen unverzichtbar. Ein Stock gibt zusätzlichen Halt auf schmalen Passagen. Regenschutz und eine isolierende Schicht gehören auch im Hochsommer in den Rucksack. Handschuhe schützen beim Klettern über Felsblöcke vor Abschürfungen.

Viertens: Energie und Flüssigkeit. Erschöpfung führt direkt zu Konzentrationsschwäche. Der ÖAV rät, alle 60 Minuten eine Pause mit Kohlenhydratzufuhr einzulegen. Wer dehydriert oder unterzuckert ist, wird unsicher im Tritt. Mindestens zwei Liter Wasser sollten für eine Tagestour dabei sein.

Fünftens: Den Mut zum Umkehren. Die schönste Aussicht rechtfertigt kein Lebensrisiko. Wer sich nicht wohlfühlt, das Wetter umschlägt oder die Kondition nachlässt, sollte den Rückweg frühzeitig einschlagen. Eine verpasste Gipfelbesteigung ist besser als ein Notruf aus der Steilwand.

Wann lohnt sich ein Bergführer?

Bei Gratwanderungen wie dem Brienzergrat oder vergleichbaren österreichischen Routen wie dem Dachstein-Südwandsteig oder der Seebenklettersteig ist die Grenze zwischen Wanderung und Klettern fließend. Wer unsicher ist, sollte einen staatlich geprüften Berg- oder Wanderführer buchen. Die Kosten liegen bei etwa 300 bis 400 Euro pro Tag, werden aber durch die Sicherheit und das fundierte Ortswissen mehr als aufgewogen.

Auch Ausbildungskurse des ÖAV oder der Bergrettung können Leben retten. Der Grundkurs Bergwandern vermittelt nicht nur Technik, sondern auch das richtige Risikobewusstsein. In Österreich gibt es über 500 Bergrettungsstationen, die im Notfall schnell vor Ort sind – doch die beste Rettung ist die, die nie nötig wird.

Der tragische Tod der 26-jährigen Abrar zeigt: Selbst beliebte Wanderwege können tödlich sein. Für österreichische Bergfreunde ist der Brienzergrat ein Mahnmal dafür, dass Respekt vor dem Gebirge wichtiger ist als jeder Gipfelsieg.

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