Anna Gasser (35) kehrt zurück – und das trotz allem. Die Kärntner Doppel-Olympiasiegerin im Snowboard unterzog sich im Sommer 2025 nach einem Surf-Unfall einer Schulteroperation, kämpfte sich rechtzeitig fit für Mailand-Cortina 2026 und absolvierte dort im Big Air den achten, im Slopestyle den zehnten Platz. Statt das als Karriereende zu akzeptieren, bereitet sich Gasser nun auf die Wintersaison 2026/27 vor – aktuell auf Gletschern, wo sie ihre Tricks auf Schneetauglichkeit prüft. Was ihr Weg erzählt, ist mehr als eine Sportgeschichte: Es ist eine Anleitung für alle Österreicherinnen und Österreicher, die nach einer Verletzungspause zurück auf die Piste wollen.
Gassers Weg: Schulter-OP, Olympia, Weitermachen
Der Sommer 2025 lief nicht nach Plan. Beim Surfen erlitt Gasser eine Schulterluxation, die eine Operation notwendig machte. Die Diagnose trifft Profi- und Hobbysportler gleichermaßen hart: Eine Schulterluxation mit anschließendem chirurgischem Eingriff bedeutet Wochen der Ruhigstellung, Monate der Rehabilitation und ein hohes Risiko für Rückfälle, wenn die Stabilisationsmuskulatur nicht gezielt aufgebaut wird.
Gasser zog das Programm durch. Beim Weltcup-Auftakt zeigte sie, dass die Schulter trägt. In Mailand-Cortina – ihren dritten Olympischen Spielen – belegte sie Platz acht im Big Air und Platz zehn im Slopestyle. Ihre eigene Bilanz: „Ein bisschen schmerzt es." Dann die Entscheidung, die viele überraschte: Sie macht weiter, peilt die Wintersaison 2026/27 an.
Dieser Entschluss ist mit 35 Jahren und nach einer frisch operierten Schulter sportmedizinisch alles andere als selbstverständlich – aber möglich, wenn das Monitoring stimmt.
Was die Sportmedizin über Schultern und Alter weiß
Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers – und damit auch das instabilste. Nach einer Erstluxation liegt das Risiko einer Reluxation laut österreichischer Sportmedizinliteratur bei 40 bis 90 Prozent, je nach Alter, Operationstechnik und anschließendem Rehabilitationsprogramm. Bei Sportlern unter 20 Jahren ist das Rückfallrisiko am höchsten; bei gut rehabilitierten Athletinnen über 30 sinkt es deutlich – sofern die Rotatorenmanschette systematisch gestärkt wird.
Parallel dazu verändert sich der Körper ab dem 35. Lebensjahr. Sehnen und Bänder verlieren an Kollagenfaserdichte und brauchen nach intensiven Belastungen bis zu 40 Prozent länger zur vollständigen Regeneration als bei 25-Jährigen. Die neuromuskuläre Koordination – also die Abstimmung zwischen Nerven und Muskeln, die im Snowboard für präzise Landungen entscheidend ist – bleibt bei konsequentem Training hingegen überraschend lange auf hohem Niveau. Der Rückgang der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) lässt sich durch gezieltes Training auf 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr begrenzen, statt der typischen ein Prozent bei inaktiven Personen.
Für Anna Gasser und alle anderen Comeback-Athletinnen gilt deshalb: Das sportmedizinische Begleitprogramm ist keine Option, sondern Voraussetzung. Wer ohne strukturierten Wiederaufbau in den Belastungsbereich zurückgeht, der vor der Verletzung normal war, riskiert, dieselbe Struktur erneut zu belasten – dieses Mal mit höherem Schadenspotenzial, weil Narbengewebe und kompensatorische Bewegungsmuster die Biomechanik verändern. Genau deshalb ist das Belastungs-EKG kombiniert mit einem gelenkspezifischen Stabilitätstest der Standard, den die Österreichische Gesellschaft für Sportmedizin für Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger über 35 empfiehlt.
Kein Einzelfall: Österreichs Wintersport nach der Verletzung
Millionen Österreicherinnen und Österreicher fahren jedes Jahr Ski oder Snowboard – Österreich zählt zu den skiintensivsten Ländern Europas. Davon tragen Zehntausende jährlich eine Verletzung davon – Knie, Schulter und Kopf sind die häufigsten Körperstellen. Viele kehren nach einer Pause zurück, ohne das betroffene Gelenk neu beurteilen zu lassen. Das Ergebnis: Der alte Schaden reißt unter neuer Belastung auf.
Anna Gassers öffentlicher Rehabilitationsweg ist in diesem Kontext ein wichtiges Signal: Wer nach einer Schulteroperation wieder Sport macht, muss das strukturiert tun – mit Tests, die zeigen, ob die Stabilisierungsmuskulatur stark genug ist, und mit einem klaren Plan für die Progressionsphasen. Eine belastbares Schultergelenk ist im Snowboard kein ästhetisches Detail, sondern Sicherheitsgrundlage.
Ähnliche Themen beschäftigen auch andere Wintersportlerinnen auf Weltklasse-Niveau: Wie eine Verletzungspause das sportliche Comeback bei Olympia beeinflusst, und was Sportmedizin bei der Rückkehr nach einem Kreuzbandriss leisten kann, sind zentrale Fragen auch für Freizeitsportler.
Was passiert, wenn man den Check vor dem Comeback überspringt
Nehmen wir das Beispiel von Sabine M., 41 Jahre alt, Physiotherapeutin aus Innsbruck. Sie ist begeisterte Hobby-Snowboarderin und zog sich vor drei Jahren eine partielle Schulterausrenkung beim Sturz auf einer Anfängerpiste zu. Eine Operation war damals nicht notwendig, die Schulter wurde konservativ behandelt, und nach vier Wochen fühlte sich alles wieder normal an. Seither hat sie keinen Sportarzt aufgesucht.
Für den Winter 2026/27 plant Sabine ein intensiveres Programm: Drei Wochen in Sölden, täglich auf der Piste, plus Freestyle-Kurs.
Szenario A – ohne sportmedizinische Voruntersuchung: Sabine startet in die Saison. Im zweiten Tag fährt sie einen steilen Hang, stürzt unglücklich, landet auf dem Arm. Die Schulter luxiert erneut – diesmal vollständig. Die Folgen: Notarzteinsatz auf der Piste, Rettungsbergung, Erstbehandlung im Krankenhaus Innsbruck. Diagnose: Rotatorenmanschettenriss zusätzlich zur Reluxation. Chirurgischer Eingriff notwendig. Stationärer Aufenthalt: 3 bis 5 Tage. Rehabilitationszeit: 4 bis 6 Monate. Kosten (Eigenanteil nach Sozialversicherung): 600 bis 2.800 Euro je nach Art des Eingriffs. Weiterer Einkommensverlust durch Rehabilitationsausfall: situationsabhängig, bei Selbstständigen oft 3.000 bis 8.000 Euro. Saison: verloren.
Szenario B – mit sportmedizinischem Screening vor Saisonstart: Ein gezieltes Schulter-Screening beim Sportarzt dauert etwa 60 Minuten. Kosten: 150 bis 300 Euro (teils über private Zusatzversicherung erstattbar). Der Arzt führt Stabilitätstests durch (Apprehension-Test, Load-and-Shift-Test) und stellt fest: Die Rotatorenmanschette zeigt eine Schwäche in der Außenrotation – ein klassisches Zeichen unvollständiger Rehabilitation nach Erstluxation. Seine Empfehlung: 8 Wochen gezieltes Schultertraining mit einem Physiotherapeuten (Kosten: 8 × 70 bis 90 Euro als Kassentermin = 0 Euro Eigenanteil; privat: max. 720 Euro), bevor die erste Tiefschnee-Session kommt.
Ergebnis: Sabine absolviert das Programm. Die Schulter wird messbar stabiler. Sie fährt drei Wochen in Sölden, stürzt zweimal, die Schulter hält. Kosten: 150 bis 300 Euro Screening + ggf. Physiotherapie-Eigenanteil.
Differenz zu Szenario A: über 2.000 Euro und eine vollständige Wintersaison.
Das ist das Kernprinzip sportmedizinischer Prävention: Wenn ein strukturelles Risiko bekannt ist, dann kostet die gezielte Abklärung einen Bruchteil der späteren Behandlung.
Was ein Sportmedizin-Check für Comeback-Sportler umfasst
Ein vollständiges sportmedizinisches Screening vor der Wintersaison 2026/27 sollte für Personen mit früheren Schulter-, Knie- oder Sprunggelenksverletzungen folgende Punkte beinhalten:
- Anamnese: vollständige Verletzungshistorie, OP-Berichte, Rehabilitation
- Belastungs-EKG: Herzrhythmus unter Maximallast – erkennt latente Herzrhythmusstörungen
- Stabilitätstests: gelenkspezifisch für die betroffene Körperregion
- Muskelkraftmessung: Seitenvergleich Schulter, Knie oder Sprunggelenk
- Propriozeptionstest: Gleichgewicht und neuromuskuläre Kontrolle
- Blutbild: Ferritin, Hämatokrit, Schilddrüsenwerte, Lipidprofil
- Sportartenspezifische Belastungsbeurteilung: Welche Stürze und Landungen sind realistisch? Welche Belastungen entstehen?
Das Ergebnis ist ein individueller Belastungsplan – und wenn nötig, eine klare Empfehlung, welche Techniken oder Streckentypen bis zur vollständigen Stabilisierung gemieden werden sollten.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder nach Verletzungen sollte eine Ärztin oder ein Arzt konsultiert werden.
Gassers Botschaft für den Wintersport 2026/27
Oktober ist für Profis wie Anna Gasser der entscheidende Monat: die Tricks am Air-Bag, die den Sommer über geübt wurden, werden auf Schnee getestet, meist auf österreichischen Sommergletschern in Hintertux oder am Kaunertaler Gletscher. Was Gasser dabei als Profisportlerin mit ärztlichem Begleitteam kann, müssen Hobby-Snowboarderinnen und -snowboarder selbst organisieren.
Das österreichische Gesundheitsportal gesundheit.gv.at bietet eine erste Orientierung über Sportmedizin-Anlaufstellen in allen Bundesländern. Wer gezielt nach einem Sportmediziner oder einer Sportmedizinerin sucht, der auf Wintersport und Rehabilitation nach Schulterverletzungen spezialisiert ist, findet auf Expert Zoom passende Fachleute für eine erste Einschätzung.
Anna Gassers Entscheidung, mit 35 Jahren und nach einer Schulteroperation weiterzumachen, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis professionellen Monitorings. Wer als Hobbysportler denselben Winter will wie sie, braucht nicht das ÖSV-Budget – aber einen Termin beim Sportarzt.

Claudia Gruber