Als Jamal Musiala, der 23-jährige Mittelfeldspieler des FC Bayern München, am 15. August 2026 beim Spiel gegen RB Leipzig plötzlich zu Boden sackte, reagierten Teamkollegen und Zuschauer mit Schock. Drei Tage später, beim Vorbereitungsspiel in Heidenheim, geschah es erneut. In einem persönlichen Statement auf Instagram machte der Nationalspieler seine Diagnose öffentlich: Er leide an einer neurologischen Dysfunktion mit kurzen Absencen — sogenannten Absenzanfällen. Die Botschaft trifft viele Österreicherinnen und Österreicher direkt: Laut der Epilepsie-Ambulanz der MedUni Wien sind allein in Österreich rund 70.000 Menschen von Epilepsie betroffen, und Absencen gehören zu den am häufigsten übersehenen Formen. Musialas Fall ist ein Weckruf — nicht nur für Sportler.
Was sind Absencen?
Absencen sind eine spezifische Form epileptischer Anfälle, die durch plötzliche, kurze Bewusstseinspausen von typischerweise 5 bis 20 Sekunden gekennzeichnet sind. Der Betroffene „friert" in seiner Bewegung ein, starrt ins Leere und ist nicht ansprechbar — ohne zu fallen, zu zucken oder anschließend erschöpft zu sein. Dann, ebenso abrupt wie die Absence begann, ist sie vorbei. Kein Nachzittern, kein Gedächtnisverlust — der Betroffene macht oft einfach da weiter, wo er aufgehört hat.
Genau das macht Absencen so tückisch: Viele Betroffene bemerken sie selbst nicht. In der Schule gelten Kinder mit Absencen manchmal jahrelang als „verträumt". Bei Erwachsenen werden die kurzen Aussetzer häufig als Konzentrationsprobleme oder Erschöpfung fehlgedeutet. Laut der Fachgesellschaft Neurologienetz können Absencen bei manchen Betroffenen bis zu 100 Mal täglich auftreten — ohne dass ein Zusammenhang erkannt wird.
Die häufigste Unterform ist die Absence-Epilepsie des Schulalters, die zwischen dem 4. und 10. Lebensjahr beginnt — sie kann aber auch erstmals im Erwachsenenalter auftreten oder aus dem Kindesalter persistieren. Musialas Diagnose wurde laut CBS Sports innerhalb weniger Tage durch EEG und Neuroimaging bestätigt. Charakteristisch ist dabei das 3-Hertz-Spike-Wave-Muster im Elektroenzephalogramm, das ein Neurologe in wenigen Stunden sichern oder ausschließen kann.
Behandlung: Die gute Nachricht
Absencen lassen sich medikamentös oft sehr gut kontrollieren. Die Antiepileptika Ethosuximid und Lamotrigin unterdrücken die epileptische Aktivität bei rund 75 bis 80 Prozent der Betroffenen vollständig — sodass im Alltag kein einziger Anfall mehr auftritt. Musiala teilte mit, er wolle „die Herausforderung annehmen" und in enger Abstimmung mit Neurologen weiter Fußball spielen.
Wichtig zu wissen: Eine vollständige Anfallsfreiheit unter Medikation ist die Voraussetzung für die meisten Alltagsrechte — vom Führerschein bis zur Sporttauglichkeit. Der Weg dorthin erfordert regelmäßige Blutspiegelkontrollen, EEG-Verlaufsuntersuchungen und einen Neurologen als feste Anlaufstelle. In der Praxis bedeutet das in der Regel: Kontrolltermine alle drei bis sechs Monate im ersten Jahr, danach jährlich, solange die Medikation besteht. Für rund 20 bis 25 Prozent der Betroffenen, bei denen das erste Medikament nicht ausreicht, gibt es wirksame Kombinationstherapien. Die Mehrheit der Patienten mit gut eingestellten Absencen führt ein weitgehend normales Leben — mit Sport, Beruf und sozialem Alltag. Wer diese Struktur früh aufbaut, hat die besten Chancen auf ein Leben ohne dauerhafte Einschränkungen.
Was die Diagnose in Österreich rechtlich bedeutet
Der medizinische Teil ist oft der strukturierteste Schritt. Was viele Betroffene unterschätzen: Eine Absencen-Diagnose löst in Österreich unmittelbar rechtliche Konsequenzen aus, die das Alltagsleben erheblich beeinflussen.
Führerschein. Das österreichische Führerscheingesetz-Gesundheitsverordnung (§12a FSG-GV) legt fest: Wer einen erstmaligen epileptischen Anfall hatte, darf bis zur neurologischen Abklärung kein Fahrzeug lenken. Für Privatfahrer (Gruppe 1, Pkw) beträgt die geforderte Anfallsfreiheitsfrist grundsätzlich zwölf Monate — unter laufender Medikation und neurologischer Kontrolle. Für Berufskraftfahrer, Buslenker und Taxifahrer (Gruppe 2) gelten weit strengere Maßstäbe.
Sport. Anders als viele vermuten, schließt eine Absencen-Diagnose sportliche Betätigung nicht grundsätzlich aus. Musialas geplante Rückkehr in den Profifußball zeigt: Bei gesicherter Anfallskontrolle und neurologischer Freigabe ist Sport möglich. Risikobereiche — Klettern ohne Sicherung, Schwimmen allein, Radfahren im Straßenverkehr — bleiben bis zur Bestätigung der Anfallsfreiheit kontraindiziert.
Beruf. Wer am Schreibtisch arbeitet, ist in der Regel nicht eingeschränkt. Für Berufe mit erhöhter Eigengefährdung — Maschinenführer, Gerüstbauer, Kranführer, Berufskraftfahrer, Pflegepersonal in bestimmten Settings — können Absencen unmittelbare Konsequenzen für die Arbeitsfähigkeit haben.
Thomas, 34 Jahre, Berufskraftfahrer aus Wien — was konkret auf ihn zukommt
Thomas fährt seit acht Jahren Lkw für ein Transportunternehmen in Wien. Im Juli 2026 bemerkt sein Beifahrer, dass Thomas an einer roten Ampel für rund drei Sekunden „weggetreten" zu sein scheint — er reagiert nicht auf Ansprache, setzt dann die Fahrt fort, als wäre nichts gewesen. Beim Neurologen bestätigt sich der Verdacht: Absencen.
Was folgt, ist durch §12a FSG-GV geregelt — und trifft Thomas mit voller Wucht:
Sofortiges Fahrverbot. Mit der Diagnose darf Thomas weder seinen Lkw noch seinen Privatpkw lenken. Jede Fahrt danach erlischt den Versicherungsschutz im Schadensfall vollständig.
Führerschein Gruppe 2 — die lange Warteschleife. Für Berufskraftfahrer sind in Österreich grundsätzlich fünf Jahre lückenloser Anfallsfreiheit unter Medikation erforderlich, bevor eine Einzelfallbegutachtung durch eine staatlich anerkannte Gutachterstelle möglich wird. Diese Begutachtung kostet zwischen 300 und 800 Euro — die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht.
Drei mögliche Verläufe für Thomas:
Szenario A — Anfallskontrolle gelingt, 12 Monate Pkw-Freiheit: Thomas erhält nach einem Jahr Anfallsfreiheit den Privatführerschein zurück. Den Lkw-Schein frühestens nach fünf Jahren. Für die Übergangszeit beantragt er beim AMS eine berufliche Rehabilitation: Umschulungskosten werden zu 100 % übernommen, dazu erhält er ein Übergangsgeld in Höhe von 55 % des letzten Nettoentgelts — bei einem Bruttogehalt von 2.800 Euro entspricht das rund 1.190 Euro monatlich für die gesamte Umschulungsphase.
Szenario B — Rückkehr zum Lkw nach Begutachtung: Gelingt nach fünf Jahren die positive Begutachtung, kann Thomas wieder als Berufskraftfahrer arbeiten. In der Praxis dauert dieser Weg mindestens 5 bis 6 Jahre, kombiniert mit erheblicher Einkommenseinbuße und mehreren hundert Euro Verfahrenskosten.
Szenario C — Dauerhafte Berufsunfähigkeit als Lkw-Fahrer: Wenn die Anfallsfreiheit nicht erreicht wird oder die Begutachtung dauerhaft negativ ausfällt, kann Thomas bei der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) eine Berufsunfähigkeitspension beantragen. Voraussetzung: Er kann weniger als 50 % seiner bisherigen Arbeit ausüben. Die durchschnittliche Berufsunfähigkeitspension in Österreich betrug 2025 rund 1.430 Euro monatlich — ein erheblicher Einschnitt gegenüber dem Lkw-Fahrerlohn.
Hinzu kommt eine oft übersehene Pflicht: Thomas muss laut österreichischem Dienstrecht seinen Arbeitgeber über die Diagnose informieren, sobald sie seine Arbeitsfähigkeit in der vereinbarten Tätigkeit beeinträchtigt. Verschweigt er sie und es kommt zu einem Unfall, riskiert er neben strafrechtlicher Verantwortung auch den Verlust des Versicherungsschutzes sowie Regressforderungen seines Arbeitgebers.
Die entscheidende Zahl in Thomas' Fall: Ohne frühzeitige Beratung — durch Neurologen und einen auf Sozialrecht spezialisierten Experten — riskiert er, Fristen zu versäumen, Ansprüche nicht rechtzeitig geltend zu machen und in einer rechtlichen Grauzone zu verbleiben, die seinen Versicherungsschutz gefährdet.
Wann sollten Sie einen Neurologen aufsuchen?
Musialas Absencen wurden durch zwei spektakuläre Stürze auf dem Spielfeld sichtbar — ein seltener Verlauf. Die meisten Absencen verlaufen so unauffällig, dass Betroffene sie jahrelang nicht wahrnehmen. Österreichische Neurologen empfehlen eine Abklärung bei folgenden Warnsignalen:
- Wiederholte Episoden von „Geistesabwesenheit", an die Sie sich nicht erinnern können
- Berichte von Bekannten, dass Sie kurz nicht reagiert oder ins Leere gestarrt haben
- Unterbrechungen beim Autofahren, Kochen oder an Maschinen — auch wenn sie nur Sekunden dauern
- Erstmalige Anfälle im Erwachsenenalter, auch wenn sie harmlos wirken
- Kindliche Absencen, die bisher unbehandelt blieben und weiter persistieren
Ein Neurologe kann mit einem EEG in wenigen Stunden Klarheit schaffen. Die Epilepsie-Ambulanz der MedUni Wien ist eine spezialisierte erste Anlaufstelle; über die ÖGK sind Termine teils schneller verfügbar als beim niedergelassenen Facharzt mit Kassenvertrag.
Wer eine erste Einschätzung sucht — anonym und ohne Wartezeit — kann über eine Online-Neurologie-Konsultation bei ExpertZoom einen Experten befragen, bevor der formale Arzttermin stattfindet.
YMYL-Hinweis: Dieser Artikel dient zur allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Rechtsberatung. Bei Verdacht auf epileptische Anfälle wenden Sie sich umgehend an einen Facharzt für Neurologie oder die nächste neurologische Notaufnahme.

Claudia Gruber